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Wirtschaft Economy

Dirk Baecker

Bewirtschaftung

Mit Arbeit, Geld und Kapital steht sie im Gegensatz zu allem, was man sich unter Leben vorstellt. Vom Reich der Notwendigkeit sprachen Hegel und Marx. Vom Reich der Sorge, fern von allem, was die Schönheit des Lebens ausmacht, sprach Goethe. Nur unter Tränen und nur dann, wenn er die Zeit des Liebens hinter sich hätte, würde er sich mit Ökonomie beschäftigen, liest man bei Michel Serres. In einer deutschen Tradition, die viel mit leicht überspannten Erwartungen an Kultur und Bildung zu tun hat, stehen das Geld im Gegensatz zum Geist, die Vorsorge im Gegensatz zur Spontaneität und das Sparen im Gegensatz zur Großzügigkeit. Das sind keine guten Voraussetzungen, um im vorliegenden Zusammenhang über Wirtschaft nachzudenken.

Doch was versteht man in diesem Zusammenhang unter Wirtschaft? Man denkt an die Ausbeutung der Arbeit durch das Kapital, an billige Konsumgüter, an Wucherzinsen, an einen unfairen Wettbewerb und immer wieder an das Geld, das sich die Dinge ohne Rücksicht auf ihren inneren Wert käuflich macht. Wo die Wirtschaft herrscht, wird Religion zum Ablasshandel, wird Liebe zur Prostitution, ist jedes Amt korrumpierbar, haben Gerichtsurteile ebenso wie Ausbildungsplätze ihren Preis. In vielen Ländern der Erde gehören diese Verhältnisse mit zum Alltag und damit auch mit zum Leben, aber mit einem emphatischen Verständnis von Leben, das die Dinge in ihrem eigenen Recht zu schätzen weiß, sind sie nicht vereinbar. Wer wirklich lebt, so die verbreitete Annahme, tut nichts nur um des Vorteils willen. Wer wirklich lebt, würdigt jede Situation um ihrer selbst willen. Wer wirklich lebt, unterscheidet nicht zwischen Mittel und Zweck.

Man kann nicht behaupten, dass diese Eindrücke von der Wirtschaft auf einem Denkfehler beruhen. Sie haben die Beobachtung der Verhältnisse auf ihrer Seite und begreifen, wie sich die Wirtschaft – gemäß christlichem ebenso wie marxistischem Gebot – die Erde untertan macht. Wir leben mit und in einem Produktionsregime, in dem die Zukunft mehr Gewicht hat als die Gegenwart. Und wir verlassen uns auf ein Geld, das jede Situation unter Gesichtspunkten einzuschätzen erlaubt, die ihr fremd sind. Aber so richtig all dies ist, so wenig ist es der Weisheit letzter Schluss. Denn ein wichtiger Aspekt wird dabei übersehen. Die Zukunft kann nur dort eine Rolle spielen, wo auch die Gegenwart ihr Gewicht hat. Das Geld kann seinen fremden Blick nur entfalten, wenn klar ist, was verfremdet wird. Der Drang der Wirtschaft in die Produktion, die Zukunft, den Vorteil und den Gewinn ist nicht nur die Schattenseite jedes die Schönheit des Moments würdigenden Lebens, sondern wäre ohne diese Schönheit gar nicht möglich. Keine Produktion ohne die erforderlichen Mittel, keine Zukunft ohne eine Gegenwart, kein Vorteil ohne einen scharfen Blick für die Situation und kein Geld ohne Anhaltspunkte für eine Bewertung. Die Wirtschaft verdrängt das Leben nicht nur, sie bleibt gleichzeitig elementar auf das Leben angewiesen.

Die Zukunft kann nur dort The future can only eine Rolle spielen, wo auch die play a role where the Gegenwart ihr Gewicht hat. present also carries weight.

Mein Vorschlag läuft darauf hinaus, die Wirtschaft unter dem Gesichtspunkt der Bewirtschaftung zu sehen. Das verschiebt den Blickwinkel vom Substantiv zum Verb. Die Wirtschaft als Substantiv ist der institutionell mehr oder minder fixe Rahmen einer Auseinandersetzung mit der Knappheit der Güter. Das Bewirtschaften als Verb hingegen ist der offene Prozess einer immer wieder neuen Suche danach, wie mit welchen Knappheiten umzugehen ist. Dieser Prozess ist schon deswegen voller Leben, weil er hier und jetzt stattfindet, so sehr er sich Sorgen um die Zukunft macht und so sehr er Erfahrungen aus der Vergangenheit kontinuiert. Der Vorgang der Bewirtschaftung ist gegenwärtig. Er hat Respekt vor den Dingen, weil sie sich anders nicht bewirtschaften lassen. Er zählt auf Partner, die ein ähnliches Gefühl dafür haben, was auf dem Spiel steht. Das Leben selbst bewirtschaftet sich, weil es sich in jedem Moment nicht nur verzehrt, sondern auch wieder aufbaut. Es wird aus den Ressourcen geboren, die es sich bereitstellt, und weiß doch, dass es zugleich von Ressourcen abhängig ist, die unabhängig von seinem Zutun gegeben sein müssen, von der Luft zum Atmen bis zum Wasser zum Trinken. Das Leben bewegt sich in diesen Ressourcen. Es bewirtschaftet sie immer dann, wenn ihr Verbrauch einen Beitrag dazu leistet, sie zu erneuern.

Die Rede von der Bewirtschaftung als einem lebendigen Prozess ist überdies verbunden mit der Frage danach, was bewirtschaftet wird. Die Frage ist schwerer zu beantworten, als man denkt. Der Kapitalismus zum Beispiel bewirtschaftet, wie Werner Plumpe in seinem Buch Das kalte Herz. Kapitalismus: Die Geschichte einer andauernden Revolution (Berlin 2019) gezeigt hat, einen Markt für den Massenkonsum, indem er „armen Leuten“ sowohl einen Arbeitsplatz zur Verfügung stellt als auch günstige Konsumgüter anbietet. Das macht der Sozialismus nicht anders. In beiden Fällen ist der Erfolg davon abhängig, dass mit großem Kapitalaufwand Maschinen bereitgestellt werden, die hohe Skalenerträge abwerfen, mit denen nicht zuletzt eine Vielzahl von Zulieferern unterhalten werden kann. Diese Art von Wirtschaft, die man am besten als ein Produktionsregime bezeichnet, bewirtschaftet streng genommen nicht nur die knappen Güter, sondern vor allem die Gesellschaft, nämlich die Bereitschaft der Leute, abhängige Arbeit für sicheren Konsum zu akzeptieren. Man ahnt, welche Art von Leben in dieser Bewirtschaftung steckt. Im historischen Prozess ändert sich, welche Art von Abhängigkeiten akzeptiert werden und welche Art von Konsum die Leute zufriedenstellt. Während die Wirtschaft so tut, als sei all dies eine Frage der technischen Möglichkeiten, erlaubt die Perspektive der Bewirtschaftung einen Blick auf die durchaus fragile soziale Balance, die diesen Prozess erfolgreich macht.

Hinzu kommt eine Frage, die niemand schärfer gestellt hat als Talcott Parsons und Neil J. Smelser in ihrem Buch Economy and Society: A Study in the Integration of Economic and Social Theory (London 1956): Wie gelingt es, in jeder Generation neue Arbeitskräfte zu finden, die bereit sind, eine bestimmte Abhängigkeit zu akzeptieren, und wie gelingt es, Kinder dazu zu erziehen, billigen Konsum als Belohnung für Verzicht zu betrachten? Die Bewirtschaftung der Gesellschaft durch die Wirtschaft zieht sich bis in die letzten psychischen Winkel der Familien, erfordert Gewerkschaften für den Erhalt eines letzten Selbstbestimmungsrechts der Arbeit und setzt die Existenz von Banken voraus, deren Einlagen und Kredite die Bewirtschaftung der Zeit selbst ermöglichen. So ist es kein Wunder, dass Max Weber ausgerechnet in seinen religionssoziologischen Studien die wichtigsten Voraussetzungen des Kapitalismus aufgedeckt hat (Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Tübingen 1920), ganz zu schweigen davon, dass wir Karl Marx (Das Kapital: Kritik der politischen Oekonomie, Hamburg 1867) die Einsicht verdanken, dass nur eine Gesellschaftstheorie der Wirtschaft eine vollständige Wirtschaftstheorie sein kann. Weber entwickelte das Konzept der Verhaltensprämie, das zu erklären vermag, aus welchen religiös unterstützten Gründen sich die Menschen auf Arbeit und Unternehmertum einlassen. Und Marx beschrieb die gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen Güter und Dienstleistungen, aber auch die Arbeitskraft und der Kredit erst jene Warenform annehmen, die ihre Bewirtschaftung ermöglicht.

Es lohnt sich, an diese inzwischen schon klassische Literatur zu erinnern, weil sich in jüngerer Zeit der Blickwinkel erneut verschoben hat. Wir haben entdeckt, dass wir nicht nur die Gesellschaft bewirtschaften, sondern auch die Erde. Das ist insofern nichts Neues, als schon das früheste Nachdenken über Agrikultur ein Nachdenken über die Bewirtschaftung von Acker, Garten, Stall, Wiese und Wald gewesen ist. Und schon hier fiel auf, wie es Xenophon in seinem Buch Oikonomikos (verfasst zwischen 390 und 355 v. Chr.) auf den Punkt gebracht hat, dass die Bewirtschaftung eines Haushalts damit beginnt und aufhört, neben dem Hausherrn auch Frau, Kinder und Gesinde zum Verzicht anzuhalten, damit genug erwirtschaftet werden kann, um später eine Belohnung zu ermöglichen. Das ist die Geburtsstunde der sophrosyne, der Kunst der Selbstbeherrschung, ohne die die Antike nicht zu denken ist und ohne die es kein Bürgertum gäbe. Dem lag bei den alten Griechen überdies ein Kulturverständnis zugrunde, das von großem Respekt gegenüber der Erde geprägt war. Die Erde zu kultivieren, bedeutete zuallererst sie zu pflegen, ja, sie zu verehren und überdies den Göttern zu danken, deren Gunst das Getreide wachsen, den Wein reifen und das Vieh gesund bleiben lässt. Im besten ökologischen Sinne des Wortes machte man sich die Erde nicht untertan, sondern unterwarf sich den Bedingungen, unter denen die Erde sich bewirtschaften lässt.

Dieser Gedanke wird in den ökologischen Bewegungen unserer Tage wiederentdeckt. Die Bewirtschaftung der Erde ist nicht nur eine Frage der Landwirtschaft und der Fischerei, sondern eine Frage der Bewirtschaftung des gesamten Planeten. Wir wissen, dass wir allein im Bereich der erneuerbaren Ressourcen mehr Erden verbrauchen als wir zur Verfügung haben, ganz zu schweigen von den nicht-erneuerbaren Ressourcen. Wir bewirtschaften einen Planeten, auf dem eine Gesellschaft bewirtschaftet wird, die allmählich begreift, dass es so nicht weitergehen kann. Mit Konzepten der Nachhaltigkeit versuchen wir, den fatalen Pfad der Zerstörung dieser Erde zu verlassen. Die Art unserer Bewirtschaftung entpuppt sich als eine grandiose Misswirtschaft.

Deswegen muss jeder Versuch, das Leben neu zu denken, genau hier neu ansetzen. Der institutionelle Rahmen der Wirtschaft, ihre Märkte und Unternehmen, ihre Arbeitskräfte und Gewerkschaften, ihre Wirtschafts-, Geld- und Finanzpolitik sind nicht in Stein gemeißelt, sondern das historische Ergebnis einer vorübergehenden Gestalt der Bewirtschaftung von Erde und Gesellschaft. Mit dem Ergebnis können wir nicht zufrieden sein. Umgekehrt jedoch ist zu würdigen, wieviel Milliarden Menschen auf einem guten Niveau ernährt werden können. Das wäre vor der Industrialisierung der Produktion von Gütern, Dienstleistungen und Finanzierungsinstrumenten ausgeschlossen gewesen. Vom T-Shirt bis zum Dünger, vom Bankkonto bis zum Impfstoff verdanken wir unser Leben dieser Industrie. Und doch müssen wir sie neu denken und müssen wir anders handeln. Wir müssen anders wirtschaften.

Die Perspektive der Bewirtschaftung ist geeignet, die beiden Seiten der Medaille zusammen zu sehen, die ökologische Gefährdung der Erde und das Raffinement einer komplexen Wirtschaft. Nur wenn uns klar ist, wieviel Intelligenz in die Bewirtschaftung der Gesellschaft geflossen ist, trotz aller immer noch vorhandenen Defizite wie Ungleichheit, Hunger und Arbeitslosigkeit, können wir darüber nachdenken, wie eine nachhaltige Bewirtschaftung dieser Erde und unserer Gesellschaft aussähe. Die Bewirtschaftung ist ein Prozess in der Zeit. Sie findet hier und jetzt statt, weil und insofern sie Vorsorge für die Zukunft trifft. Sie besteht nicht einfach darin, dass die einen Gewinne machen und die anderen ihr Leben fristen. Sondern sie besteht in einer Kunst der Bewirtschaftung, die gegenwärtig die Ressourcen bereitstellt, um für eine noch unbekannte Zukunft Vorsorge zu treffen. Es kommt darauf an, darüber nachzudenken, wie diese Ressourcen inklusive der Bereitschaft zur Arbeit, zu unternehmerischem Handeln, zum Konsum und zur Verschuldung hinreichend beweglich gehalten werden können, um keine mächtigen Interessen entstehen zu lassen, die diese Beweglichkeit blockieren.

Dirk Baecker

Nach Abschluss seines Studiums der Soziologie und Ökonomie in Köln und Paris promovierte und habilitierte Dirk Baecker im Fach Soziologie an der Universität Bielefeld. Der Heisenberg-Stipendiat verbrachte hiernach Forschungsaufenthalte an der Stanford University in Kalifornien, der Johns Hopkins University in Baltimore sowie der London School of Economics and Political Science. 1996 folgte Baecker einem Ruf an die Universität Witten/Herdecke, 2007 einem Ruf an die Zeppelin Universität in Friedrichshafen. An beiden Universitäten war Baecker als Professor abwechselnd bis 2025 tätig. Heute ist der Autor und Vortragende selbstständig. Sein Forschungsinteresse gilt der „Einführung des Formkalküls von George Spencer-Brown (Laws of Form, 1969) in die soziologische System- und Netzwerktheorie zwecks Gewinnung eines analytischen Instruments zur Navigation sozialer, mentaler und ökologischer Komplexität“. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die Titel Katjekte und Digitalisierung.