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Kultur Culture

Gerfried Stocker

Das Leben neu denken – Veränderung leben

“Welcome to Planet B – A different life is possible. But how?” Diese Frage, oder vielmehr diese Aufforderung, nach einer anderen Art des Lebens zu suchen statt nach einem anderen Ort, an den wir flüchten und weitermachen können wie bisher, war der Titel der Ars Electronica 2022, jenem Festival, das 1979 von einem ungewöhnlichen Trio ins Leben gerufen wurde: einem Journalisten, einem Künstler und einem Wissenschaftler. Sie kamen zusammen, jeder von ihnen mit großem Interesse für die Sicht und Arbeitsweisen der beiden anderen – und jeder mit der Ahnung, dass die Welt vor großen Veränderungen stand. Mit geringer Klarheit darüber, wie diese Veränderungen aussehen würden, aber dem ausdrücklichen Wunsch, an ihnen mitzugestalten, verstanden die drei, dass sie nichts alleine bewirken konnten. Sie entschieden also, die Menschen um sich – die Stadt und ihre Politiker, die Wirtschaft und ihre Kapitäne – mit ins Boot zu bringen. So wollten sie den Visionen, Ideen und Utopien von Kunst und Wissenschaft Gehör verschaffen. Was ihnen dabei schnell klar wurde, war, dass die Arbeit an Veränderungen auch neue Werkzeuge braucht und dass Veränderung nur dann passiert, wenn man sie auch lebt.

Daraus entstand die Ars Electronica als Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft – nicht nur, um Austausch zwischen diesen drei Bereichen zu schaffen, sondern um den Freiraum zwischen den Disziplinen und Denkkulturen als Startrampe für Neues zu nutzen. Damit entstand auch eine Methode – man könnte auch sagen ein Werkzeugkasten – mit dem, nunmehr über 44 Jahre später, Veränderungen beobachtet, analysiert und ein Stück weit prospektiv verhandelt und mitgestaltet werden können.

Eine besondere Rolle kommt dabei der Kunst als „Werkzeug des Entdeckens“ zu. Ihrem Prozess des Hinterfragens, des Kontextualisierens, des Neugestaltens aus den Einzelteilen zerlegter Muster, wenn man über die Grenzen von Disziplinen, Denkkulturen und Gewohnheiten hinaus geht. Heute nennen wir das „Art-Thinking“ – eine Methode, bei der es nicht nur um Wege zur Lösung von Problemen geht, sondern darum, im Vorhinein Bandbreite, Vielfalt und Optionen der Situation zu erkennen ... Um denken zu können, was noch nicht auf der Hand liegt, was noch nicht vorgezeichnet ist … Um Denk- und Handlungsspielräume zu erweitern, damit Platz für neues Denken geschaffen wird.

Ein kleiner Rückblick auf diese Entwicklung kann uns vielleicht helfen, wenn wir uns abermals auf die Suche nach dem Wie und dem Wohin von Veränderungen machen: 1979 – noch war man mittendrin in der industriellen Welt des 20. Jahrhunderts, die erste Mondlandung lag gerade erst zehn Jahre zurück und das coolste Ding der Unterhaltungselektronik war der erste Walkman, der gerade auf den Markt gebracht worden war. Zwar waren Computer und Mikroelektronik (wie man damals sagte) schon in vielen Bereichen der Industrie, der Wirtschaft, der Forschung etabliert, aber die große, die eigentliche Revolution, deren Auswirkungen wir heute sehen, war noch weit weg. Die Veränderungen, die Disruptionen, die Myriade von neuen Möglichkeiten, die für uns heute so selbstverständlich geworden sind, sie erforderten eine damals ganz neue Art von Computern, klein und günstig, so, dass sie auf jeden Schreibtisch passen würden. Erst die Personal Computer, IBMs PC von 1982 und Apples Macintosh von 1984, ebneten den Weg für die Idee, und zumindest ein Stück weit auch für die Realität, dass jeder an dieser neuen technologischen Epoche teilnehmen und teilhaben könnte, dass keine großen Industrieanlagen oder Banken und Verwaltungsapparate mehr notwendig sein würden, um mit der ganzen Welt Business zu machen, um an den großen Gate-Keepern vorbei, direkt auf Informationen und Wissen zugreifen zu können. Und als 1989 Tim Berners-Lee seine Vorgesetzten am CERN davon überzeugen konnte, ihn an der Entwicklung einer Software für den unkomplizierten Austausch von Forschungsergebnissen arbeiten zu lassen, und er kurz darauf dieses universelle Portal ins Internet für alle frei zugänglich machte, war eigentlich die letzte Hürde aus dem Weg geräumt. Die digitale Revolution war fortan nicht mehr bloß eine technologische und wirtschaftliche Angelegenheit, sondern und vor allem auch eine gesellschaftliche und kulturelle. Sie wurde zu einem Massenphänomen. Die Reise begann, von den digitalen Technologien zu den digitalen Geschäftsmodellen der großen Plattformen, zum digitalen Lifestyle der Social Media, zum großen Geschäft mit den digitalen Daten, aber auch zum großen Unbehagen, dass wir zu weit gegangen sein könnten, oder zumindest zu schnell und zu unachtsam. 

Anders als bei der industriellen Revolution waren es nicht nur die ökonomischen und sozialen Konsequenzen der Anwendung neuer Technologie in Industrie und Wirtschaft (Landflucht, Explosion der Städte, Proletariat etc.), die die Lebensrealitäten für die breite Bevölkerung nachhaltig veränderten. Die digitalen Technologien standen nun als Werkzeuge, als Produktionsmittel, als offener Zugang zu Wissen und Information „allen“ Menschen direkt zur Verfügung. Auch wenn diese Vision damals schon in vielen Teilen der Welt auftauchte und viele Menschen begeisterte, muss an dieser Stelle festgehalten werden, dass „alle“ hier ein äußerst unzulässiger Begriff ist und den geografisch, sozial und kulturell engen Blickwinkel der digitalen Revolution zeigt, eine bislang nur mangelhaft verbesserte Schwachstelle. Nicht zuletzt dokumentieren die vielen aktuellen Debatten um ethische Regeln und Fairness von KI-Systemen, wie groß diese Baustelle ist. Nach wie vor sind sehr viele Menschen vom Zugang zu diesen Möglichkeiten ausgeschlossen. Waren es zu Beginn eher noch die sozialen Ungerechtigkeiten, so kommen heute zunehmend auch politische Einschränkungen hinzu. Auch wenn heute lt. Statistik der ITU 5,3 Mrd. Menschen (~ 67 %) ständigen Zugang zum Internet haben, bleibt gemessen an der Bedeutung dieser „Zivilisationstechnologie“, gemessen an den Abhängigkeiten, die sich daraus für jeden Menschen auf diesem Planeten ergeben, ein erschütternd hoher Anteil an Menschen ausgeschlossen. Es ist bezeichnend, dass die Zahl der Menschen, die keinen regelmäßigen Zugang zum Internet haben (2,6 Mrd.), ziemlich ähnlich der Zahl der Menschen ist, die keinen regelmäßigen Zugang zu sauberem Wasser haben (lt. UNICEF ca. 2 Mrd.).

Was bei der Betrachtung der digitalen Transformation nicht übersehen werden darf: 1989 ist auch das Jahr des Mauerfalls und markiert den Beginn des Zerfalls der Sowjetunion und der bis dahin festgefügten Weltordnung. Technologisch (WWW) wie machtpolitisch gingen damals Windows of Opportunity für eine offene, freie Welt auf, in der Menschen überall auf diesem Planeten neue Möglichkeiten haben sollten und auf eine nie dagewesenen Weise gleichberechtigt, demokratisch miteinander verbunden sein würden. Natürlich ist es im Nachhinein leicht, über diese Visionen vom „Globalen Dorf“ zu spotten und die Naivität ihrer Protagonisten der 1990er-Jahre zu belächeln. Doch ist es auch der Mühe wert, ein wenig tiefer zu gehen: Der wirtschaftliche Raketenstart der digitalen Businessmodelle wäre ja nicht denkbar ohne zwei ganz andere exponentielle Entwicklungen: Zum einen ist es das globale Bevölkerungswachstum (als 1969, im Jahr der ersten Mondlandung, auch zum ersten Mal zwei Computer zwischen Los Angeles (UCLA) und San Francisco (SRI) vernetzt wurden, waren gab es 3,6 Milliarden Menschen, nun sind es mehr als 8 Milliarden). Als zweiten Faktor müssen wir die weitreichenden Liberalisierungen der Weltwirtschaft berücksichtigen, die ja vielmehr auf die Zeit von Reagan, Thatcher und Co. zurückzuführen sind und in den 1990er-Jahren so richtig zur Wirkung kamen. Bildhaft gesprochen war die Digitalisierung nicht die Welle der großen Revolution, sondern vielmehr das Surfbrett, mit dem man die großen Wellen der globalen Veränderungen am Ende des 20. Jahrhunderts perfekt surfen konnte – ein Vergleich, der sich nicht nur wegen der starken Prägung der „Digitalen Welt“ durch die Westcoast-Mentalität ihrer Entwickler und die Wild-West-Methoden ihrer Investoren aufdrängt. Ein Vergleich aber auch, der unser übliches Denken über Ursache und Wirkung von Veränderungen und die Rollenverteilung von Politik, Gesellschaft und Technologie in ein anderes Licht rückt. 

Ein wenig tiefer gehen heißt dann auch, sich der Frage zu stellen, wer bzw. was eigentlich daran schuld ist, dass aus den großartigen Visionen, in der der freie allgemeine Zugang zu Wissen, die direkte globale Kommunikationsmöglichkeit, zu mehr Demokratie, mehr Gleichheit, mehr Wohlstand führen würde, eine Realität geworden ist, die man eigentlich als digitalen Feudalismus bezeichnen müsste, in dem einige wenige digitale Landlords eigenmächtig die Regeln bestimmen und das Eigentum und Verwertungsrecht an allen Daten, die auf ihren digitalen Latifundien anfallen, beanspruchen. Sind es die sozialen Medien oder die mittlerweile ziemlich gründliche Demontage von öffentlich-rechtlichen Medien, die unsere Informationskrise verursachen und wie schön wäre es, wenn sich diese Frage eindeutig beantworten ließe, denn dann könnten wir einmal mehr dazu übergehen, die Schuld zuzuweisen und unsere eigene Verantwortung – als Individuen, wie als Gesellschaft – abzuweisen.

Bildhaft gesprochen war die Digitalisierung nicht die Welle der großen Revolution, sondern vielmehr das Surfbrett, mit dem man die großen Wellen der globalen Veränderungen am Ende des 20. Jahrhunderts perfekt surfen konnte. Figuratively speaking, digitalisation was not the wave of the great revolution but, rather, the surfboard that allowed us to smoothly ride the massive waves of global change at the end of the 20th century.

Und damit sind wir wieder bei der Gegenwart, bei der Frage nach dem Planet B und der Frage, ob wir uns Utopien noch leisten können, angesichts der sehr kurzen Zeit, die uns verbleibt. Weder naive Eskapismen in virtuelle Welten noch die technologische Ultratopie einer Weltraumbesiedelung werden uns davor bewahren, uns den großen unangenehmen Fragen zu stellen. Wie muss unser Leben auf diesem Planeten aussehen, damit wir den ökologischen Supergau verhindern können? Welche Handlungen müssen wir setzen und welche Konsequenzen in Kauf nehmen? Wieviel Überzeugungskraft, wieviel Anstrengung, wieviel Druck, wieviel Zwang werden notwendig sein und welche „Kollateralschäden“ werden damit verbunden sein?

Was 1979 die Veränderungs- und Zukunftsfähigkeit der Stadt war, die Veränderungen, die von der Digitalisierung getrieben wurden, das ist heute die Notwendigkeit, eine globale Dialogfähigkeit über die Veränderung unseres Lebens auf diesem Planeten herzustellen und global ist dabei nicht nur geographisch zu verstehen, sondern meint auch die Spannweiten, die sich zwischen den Polen innerhalb unserer Gesellschaften auftun.

Planet B als Utopie könnte so auch die Chance auf eine Koexistenz mit den einzigartigen Ökosystemen dieses Planeten sein und eine Chance auf eine neue und faire Koexistenz der Menschen auf diesem Planeten. Doch wie könnte so ein grundlegender und weitreichender Turn (Um-handeln und nicht nur Um-denken) funktionieren? Denn es ist ja nicht mit der Reduktion der CO₂-Emissionen getan. Wir haben mittlerweile belastbare Daten darüber, wie unsere Welt aussehen wird, wenn wir den Turn nicht schaffen. Doch wie wird unsere Welt aussehen, wenn wir es geschafft haben? Welche Technologien werden wir dafür noch entwickeln müssen und welche ökonomischen, sozialen und demokratiepolitischen Veränderungen werden damit einhergehen?

Wir wissen zwar glasklar, was zu tun wäre, aber nicht, wie wir es bewerkstelligen sollen. Wir fürchten uns vor den Folgen des Klimawandels, aber noch mehr vor den vielen Unwägbarkeiten und Unbekannten der notwendigen Veränderung.

Es geht also wieder darum, die Geschichten neu zu erzählen, weil es offensichtlich ist, dass Fakten allein kein Umdenken und schon gar nicht ein „Um-handeln“ bewirken. Zukunft neu denken, erfordert immer auch, die Instrumente unserer Zukunftsplanung neu zu denken, neue Allianzen einzugehen und dabei die Wechselwirkungen von Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Technologie zu verstehen. War unsere Vorstellung von Innovation bislang vor allem mit Technologie verbunden, mit Systemen und Prozessen, mit Optimierung, Rationalisierung und Gewinnsteigerung, so müssen wir in den nächsten zehn Jahren uns selbst einen enormen Innovationsschub verpassen. Wir werden jedes bisschen Technologie benötigen, jede organisatorische, logistische Optimierung, die uns dabei helfen kann, Emissionen zu reduzieren und wieder aus der Atmosphäre zu filtern. Doch das größte Innovationsprojekt der Menschheitsgeschichte müssen diesmal wir selbst sein, unsere Fähigkeit, als globale Gemeinschaft der Herausforderung zu begegnen – eine Neuerfindung der Menschlichkeit!

Können wir also nicht nur die Welt, in der wir leben, ändern, sondern auch uns selbst?

Gerfried Stocker

Gerfried Stocker, Medienkünstler und Ingenieur der Nachrichtentechnik, ist seit beinahe 30 Jahren künstlerischer Leiter und Geschäftsführer von Ars Electronica. Gemeinsam mit einem kleinen Team von Künstlern und Technikern entwickelte er 1995 das Konzept für die heute beliebte und angesehene Ausstellung. Darüber hinaus ist er federführend beim Aufbau und Betrieb der Forschungs- und Entwicklungsabteilung Ars Electronica Futurelab engagiert. Unter seiner Führung entwickelte sich Ars Electronica zu einer Ausstellung und einem Festival auf internationalem Niveau. Neben seiner Tätigkeit als künstlerischer Leiter und Geschäftsführer berät Gerfried Stocker zahlreiche Unternehmen und Institutionen in den Bereichen Kreativität und Innovationsmanagement. Er ist Gastredner auf internationalen Konferenzen und an Universitäten. 2019 wurde ihm von der Aalto University, Finnland, ein Ehrendoktorat verliehen.