Digitale Verantwortung Digital Responsibility
Jutta Juliane Meier
Ich. Du. Er. Sie. Es. Wir. Ihr. Sie. – Wir alle sind elementare Bestandteile einer Gesellschaft, die sich nicht mehr nur im realen Raum begegnet, sondern dem digitalen Raum mehr und mehr Zeit und Aktivität widmet. Innovationen kann man nicht aufhalten – das ist längst bekannt. Dass Innovationen im Digitalen heute in einer noch nie da gewesenen Geschwindigkeit passieren und wir in manchen Augenblicken nur noch ungläubig staunend und fragend von neuen Phänomenen sprichwörtlich überrollt werden, bleibt nicht aus. Oder können Sie heute erklären, was ein reel ist, warum TikTok so viele Millionen Menschen auf der Welt in seinen Bann zieht, wie genau ChatGPT, web 1, 2 oder 3, das Meta- und das Fediverse funktionieren?
Fakt ist jedoch: Wir alle sind elementare Bestandteile dieser Gesellschaft. Wir begegnen ihr in unterschiedlichsten Rollen – als Kinder, als Eltern, Geschäftsführerinnen, Handwerkerinnen, Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen, Investorinnen etc. Jeder von uns ist Teil dieser Gesellschaft und bringt unterschiedlichste Erwartungen, Bedürfnisse, Ängste und Hoffnungen mit in eine Welt, die nicht mehr nur analog, vielmehr auch und zumindest parallel auch digital unseren Lebensalltag prägt.
Für die „großen Player“ im digitalen Raum sind wir aber vor allem eins: wertvolle Daten-Geber. Digitale Produkte und Services, welche wir vermeintlich kostenfrei nutzen, füttern wir wie ganz selbstverständlich mit unseren Daten. Oft mit höchst persönlichen Daten. Was meinen Sie, wie viele Datenpunkte (neben Namen, Ort, Lieblingsband und Lieblingssänger) konnte das Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica¹ gemeinsam mit Facebook in 2016 von etlichen Millionen potentiellen Wählern in den Vereinigten Staaten sammeln und analysieren?
Mehr als 5.000 Datenpunkte². Fünftausend Datenpunkte pro Person! Wissen Sie selbst so genau, wer Sie sind, was Sie ausmacht, welche Präferenzen Sie haben, worauf Sie positiv oder negativ reagieren und zu welchem Zeitpunkt im Laufe eines Tages Sie am besten manipulierbar sind? Wie wir heute wissen, wusste Cambridge Analytica dies sehr genau.
Nun brauchte man die Menschen nur noch mit genau den Nachrichten bombardieren, die ihnen am meisten Angst machten oder sie am ehesten zur Weißglut brachten – egal wie relevant das Thema in Wirklichkeit war. Ausländerfeindliche Tendenzen? Bilder von Migrationsströmen! Streng gläubig? Nachrichten über Abtreibungsbefürworter! Man nennt die Praxis auch „rage-farming“ und sie eignet sich ausgezeichnet, um Menschen aufzupeitschen – auch heute noch. Auch wissen wir heute, dass so viele Wähler manipuliert werden konnten und die Welt einen US-amerikanischen Präsidenten mit nie da gewesener Inkompetenz erlebt hat.
Stellen wir uns vor, wir könnten 5.000 Datenpunkte pro Person zur Bekämpfung bisher unheilbarer Krankheiten erheben oder zur passgenauen Aus- und Weiterbildung etc. Technologisch hat Cambridge Analytica in 2016 Höchstleistungen vollbracht. Gesellschaftlich, politisch und ethisch betrachtet wurde aber auch im Nachhinein erkannt, dass so etwas nicht passieren darf. Der damalige CEO von Cambridge Analytica wurde Jahre später verurteilt, Führungspositionen darf er für mehrere Jahre nicht mehr annehmen³. Digitale Verantwortung fehlte hier ganz offensichtlich. In der Unternehmensführung, menschlich und technologisch.
Digitale Verantwortung. Verantwortungsvolle Führung. Vertrauenswürdige digitale Produkte und Services. Vertrauen. Das sind die Themen, die mich persönlich nachts wach liegen lassen. Für eine verantwortungsvolle digitale Transformation ein gesellschaftlich nachhaltiges Leitbild zu finden, Orientierung zu geben, Leitplanken zu definieren, einen Rahmen zu schaffen. All das beschäftigt mich, seit ich selbst sehr innovations- und technikverliebt viele Monate im Silicon Valley verbringen durfte. Dem Ort, an dem es keine digitale Transformation gibt, weil dort digitales Leben und Arbeiten erfunden wurde und erfunden wird. Der Ort, an dem wirtschaftlicher Erfolg an erster Stelle steht.
Erfolgreich zu sein bedeutet hier, hohe Umsätze zu erzielen, Anwendungen zu erfinden, die in kürzester Zeit von möglichst vielen Kundinnen verwendet werden und Millionen anzuhäufen, oft nur für Einzelne, und leider oft auf Kosten und zu Lasten vieler Einzelner. Und auch auf Kosten eines digitalen Wandels, der viel mehr Potenzial hätte, einer nachhaltigen menschlichen Entwicklung zu dienen. Dieser andere digitale Wandel, basierend auf Verantwortung und Vertrauen, ist noch möglich.
Wie ein vertrauenswürdiger digitaler Raum gestaltet werden kann. Wie wir verantwortungsvoll digitale Produkte und Services gestalten und basierend auf europäischen Werten eine neue Führungsrolle im globalen Marktgeschehen erreichen können, das beschäftigt mich seit einigen Jahren und ich bin sehr dankbar, auf der Reise zur Gründung des Identity Valley in 2020 viele spannende, weitsichtige und wohlwollende Menschen und Institutionen getroffen zu haben, die heute alle weiterhelfen, unseren Weg aktiv mitzugestalten.
Identity Valley fordert und fördert digitale Verantwortung. Als gemeinnützige Organisation wendet sich Identity Valley an Vordenker der Wissenschaft, Politik und Industrie für eine wertebasierte Zukunft der digitalen Welt durch Networking, Lobbying und Kommunikation. Identity Valley setzt sich für eine auf Vertrauen, Privatheit und persönliche Identität gestützte Datenwirtschaft ein, abgeleitet aus der humanistischen Tradition Europas.
Die Digital Responsibility Goals (DRG) bieten verschiedenen Interessengruppen und Entscheidungsträgerinnen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Regulierungsbehörden und der Zivilgesellschaft die Möglichkeit, eine gemeinsame Agenda zu bilden und ein gemeinsames Vorgehen beim Umgang mit Digitalisierung zu planen. Ähnlich wie die UN-Nachhaltigkeitsziele die internationale Gemeinschaft zum Handeln gebracht und eine Agenda für einen nachhaltigeren Umgang mit den Ressourcen unseres Planeten ermöglicht haben, wollen die Digital Responsibility Goals digitale Technologien auf der Grundlage von demokratischen Rechten und Werten fördern.
Die Entwicklung der Digital Responsibility Goals wurde in einem Konsortium begonnen – bestehend aus Akademikerinnen, NGOs und Branchenexperten – und wird in einem Multi-Stakeholderansatz kontinuierlich fortgesetzt. Die DRGs schlagen für sieben Bereiche konkrete Maßnahmen vor, mit denen sich die digitale Ökonomie wertekonform, ethisch sensibel und mensch- und planet-zentriert gestalten lässt.
2023 wirkt gerade auf uns wie ein Wendepunkt. Wir spüren das Momentum und freuen uns, aktiv eine Bewegung zu gestalten, in die Anwendung zu bringen, Mehrwert zu schaffen. Für uns. Für unsere Gesellschaft. Für unsere Zukunft. Für unsere Kinder und Enkelkinder. Das Leben neu denken. Heute. Für morgen und übermorgen. Denn: Wir sind die, die Verantwortung tragen und aushalten müssen. Wir können nicht später sagen: „Das wussten wir nicht.“ Wir wissen, dass gerade etwas schiefläuft. Wir wissen, dass unsere Demokratie und unser Friede gefährdet sind. Und deshalb müssen wir handeln. Jetzt.
Erfolgreich zu sein bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Heute die Herausforderungen und Chancen an der Schnittstelle von Demokratie und Technologie erkennen, annehmen und diese Debatte zu führen, die für alle Bereiche unserer Arbeit von großer Bedeutung ist – seien es Migration, Bildung, Kirche, Klimawandel oder andere Themen.
Wie können wir den Raum für Demokratie in einer digitalen Welt bewahren, die sich zunehmend auf unseren Alltag auswirkt? Wie können wir Risiken vermeiden, die künstliche Intelligenz und digitale Technologie für die Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit darstellen? Wie können wir digitale Barrieren im Interesse der Schwächsten beseitigen und unsere Gemeinschaften stärken? Wie wirkt sich die digitale Welt auf unsere Fähigkeit aus, auf individueller und -gemeinschaftlicher Ebene zu reagieren? Welche Form der Technologie ist gut für die Menschen und die Demokratie? Wie können wir verhindern, dass Informationen und Energie zu einer weiteren Waffe werden?
Mit unserer globalen Bewegung rund um die Digital Responsibility Goals tragen wir dazu bei, einen vertrauenswürdigeren, menschenzentrierten und demokratischen digitalen Raum zu schaffen, der die Technologienutzer und ihre Werte in den Mittelpunkt stellt.
Auch eine kleine Organisation mit einer klaren Mission kann Großes erreichen. Vertrauen und Verantwortung sind die Schlüsselkomponenten für eine digitale Transformation zum Nutzen aller. It’s all about trust. Es geht ums Vertrauen.
Von 2007 bis 2020 arbeitete Jutta Juliane Meier als Unternehmensberaterin für digitale Innovationen und Strategien, schwerpunktmäßig in der Bayerischen Automobil- und Chemie-Branche. 2020 gründete Meier die gemeinnützige Organisation „Identity Valley“. Die Organisation ebnet den Weg für eine wertebasierte, europäische Haltung mit dem Fokus einer vertrauenswürdigen Entwicklung des digitalen Raumes: Identity statt Silicon als zentralen Anker aller Aktivitäten.
Gemeinsam mit einem Netzwerk aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Non-Profit-Organisationen und Branchenexpertinnen entwickelte sie die Digital Responsibility Goals (DRG) – einen Orientierungsrahmen und Kompass für die verantwortungsvolle Entwicklung digitaler Technologien. Im Rahmen von Forschungsprojekten – TEAM-X und DRG4Food (Status Mai 2023) werden die DRGs bereits auf kommunaler, Landes-, Bundes- und EU-Ebene in unterschiedlichen Sektoren in die Anwendung gebracht.
Sowohl auf EU- als auch auf globaler Ebene wächst das Interesse an einer mensch-zentrierten Digitalen Transformation und damit das Wirkungsfeld der DRGs. Meier steht für eine Entwicklung im virtuellen und realen Raum, die das verantwortungsvolle Handeln als Basis für Vertrauen in den Mittelpunkt stellt: It’s all about trust.
1 de.wikipedia.org/wiki/Cambridge_Analytica en.wikipedia.org/wiki/Cambridge_Analytica
2 www.netflix.com/de/title/80117542 -
Cambridge Analyticas großer Hack, Dokumentarfilm aus 2019
www.netflix.com/gb/title/80117542 – “The Great Hack“, documentary from 2019)
3 www.theguardian.com/uk-news/2020/sep/24/cambridge-analytica-directorship-ban-alexander-nix