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Bildung Education

Gerald Hüther

Der Sinn von Bildung

Worauf kommt es im Leben an? Glücklich zu sein, Erfolg zu haben? Lässt sich beides dauerhaft überhaupt vereinbaren? Vor dem Hintergrund eines Bildungssystems, das in die Orientierungslosigkeit geführt hat, ist mehr denn je zu fragen, welche Art von Bildung ein gelingendes Leben ermöglichen kann. Denn erstrebenswert ist nicht unbedingt ein erfolgreiches, sondern vielmehr ein freudvolles und glückliches Leben. What matters in life? Being happy, being successful? Is it even possible to reconcile these two in the long term? Against the backdrop of an education system that has led to disorientation, it is more important than ever to ask what kind of education can enable a successful life. Because what is desirable is not necessarily a successful life, but rather a joyful and happy life.

Bildung als universales Gut

Wofür und wozu also braucht ein Mensch, brauchen vor allem Heranwachsende eine möglichst gute Bildung? Gibt es da etwas, worauf wir alle uns einigen könnten? Es müsste ja etwas sein, das nicht nur hier, in unserem Land, sondern überall auf der Welt gültig ist. Und genau genommen dürfte das, was durch Bildung erreicht werden soll, auch nicht erst jetzt, in der heutigen Zeit von entscheidender Bedeutung sein, sondern schon immer, solange es Menschen gibt, die sich in ihrer jeweiligen Lebenswelt zurechtzufinden versuchten.

Bereits unsere frühen Vorfahren, die noch als Jäger und Sammler umherzogen, brauchten auch damals schon eine Art von Bildung, die ihnen das Überleben in ihren Gemeinschaften ermöglichte. Ihr erworbenes Wissen und Können oder ihre besonderen Kompetenzen haben auch sie schon an ihre Nachkommen weitergegeben.

Vor allem dann, wenn es schwierig wurde und sie nicht mehr weiterwussten, suchten sie bei ihren ältesten und erfahrensten Mitgliedern Rat. Das waren keine Spezialisten, die dieses oder jenes besonders gut konnten, sondern besonders Gebildete. Sie waren deshalb die Ratgeber, weil sie im Lauf ihres Lebens besonders viele Gelegenheiten hatten, um nachhaltig zu lernen. Vor allem, was „Menschsein“ bedeutet und wie ein fruchtbares Zusammenleben überhaupt erst möglich wird. Geht es nicht auch noch heute und wird es nicht auch in Zukunft noch um genau diese Art von Bildung gehen? Bildung, die Menschen immer und überall brauchen? Wer gelernt hat, mit sich selbst klarzukommen, sich im Leben zurechtzufinden und es gemeinsam mit anderen zu gestalten, wird sich mit Freude und Leichtigkeit auch all das spezifische Wissen und Können – auch die dazugehörigen Kompetenzen – aneignen, um die in seiner Lebenswelt und zu seiner Lebenszeit anfallenden spezifischen Aufgaben zu meistern oder mühelos zu erledigen.

Bildungspolitische Orientierungslosigkeit

Klar, wir leben heute und nicht mehr in der Steinzeit. Aber genauso wie unsere damaligen Verwandten müssen auch wir heute geeignete Orte und Gelegenheiten schaffen, wo unsere Kinder all das lernen können, was sie für ein gelingendes Leben brauchen. Wer könnte uns sagen, worauf es dabei ankommt und wie sich das dann auch praktisch umsetzen lässt? Unternehmensführer? Politiker? Hochschullehrer? Oder unsere Kultusbeamten und Bildungsexperten? Deren Vorstellungen, Konzepte und Maßnahmen haben unser Bildungssystem ja genau dorthin geführt, wo wir heute angekommen sind: in der Orientierungslosigkeit.

Vielleicht sollten wir lieber bei denjenigen Rat suchen, denen weniger ihr Ansehen und ihre Karriere am Herzen liegen, sondern die Zukunft der in unsere Welt hineinwachsenden Kinder und Jugendlichen. Das können selbstverständlich Pädagogen, Politiker oder Hochschullehrer sein, aber das sind immer zuallererst diejenigen, die ihnen ihr Leben geschenkt, die sie begleitet und großgezogen haben. Die Eltern!

Was sich Eltern für ihre Kinder wünschen

Und was antworten die meisten Eltern, wenn sie gefragt werden, was sie sich für ihre Kinder wünschen? „Glücklich sollen sie sein, jetzt schon, aber auch noch später, als Erwachsene.“ Und wenn man Eltern dann weiter befragt, was ihrer Meinung nach jedes Kind braucht, um glücklich zu werden, kommen die Antworten hervorgesprudelt wie das Wasser aus einer Quelle: „… eine Tätigkeit, die Freude macht, verlässliche Freunde, die zu ihm halten, und natürlich auch Geborgenheit, Vertrauen, Zuversicht, viel Phantasie und gute Ideen, auch Herausforderungen und immer wieder ganz viel Freude am eigenen Entdecken und am gemeinsamen Gestalten.“

Nicht ganz so schnell wird offensichtlich, was Eltern meinen, die auf diese Frage antworten: „Mein Kind soll später im Leben erfolgreich sein, Karriere machen, Anerkennung finden und genug Geld verdienen. Es soll ihm besser gehen als uns.“ Das ist ein verständlicher Zukunftswunsch, denn es werden ja heutzutage in den Medien sehr gern und oft Personen vorgestellt, die genau diesen Visionen entsprechen. „Aber …“, so sollte man diese Eltern weiter fragen, „… sind die auch wirklich glücklich?“

Solange der Erfolg anhält, vielleicht – aber sonderbarerweise wird die Mehrzahl dieser so überaus erfolgreichen Überflieger irgendwann vom wirklichen Leben eingeholt. Und dort finden sie sich dann gar nicht mehr so gut zurecht, werden depressiv, alkohol- und drogensüchtig, leben in kaputten Familien und sind alles andere als glücklich. Ist es wirklich das, was diese Eltern ihren Kindern wünschen?

Bildung als Voraussetzung für ein gelingendes Leben

Möglicherweise kommt es gar nicht darauf an, erfolgreich zu sein. Möglicherweise ist es, um wirklich glücklich zu werden, viel wichtiger, dass einem möglichst vieles im Leben gelingt. Möglicherweise geht es gar nicht um den Erfolg, sondern um das Gelingen. Wie schön, dass wir in unserer Sprache diesen kleinen, aber entscheidenden Unterschied zum Ausdruck bringen können und uns dessen deshalb auch bewusst sind. Wenn wir sagen, etwas sei gelungen, dann meinen wir damit nicht, dass wir es so gemacht haben, wie es geworden ist, sondern dass wir es nur ermöglicht haben, dass es so werden konnte.

Einfache Aufgaben wie ein Forschungsprojekt oder ein Fahrradrennen kann man erfolgreich abschließen. Aber alles, was im tagtäglichen Zusammenleben stattfindet und deshalb sehr komplex ist, kann nur gelingen. Wie eine Partnerschaft oder eine Hochzeitsfeier oder das Zusammenleben in einer Wohngemeinschaft. All das, ja alles, was das Leben an schwierigen Herausforderungen für uns bereithält und was wir irgendwie meistern müssen, kann nur gelingen, aber nicht erfolgreich zu Ende geführt werden!

Nun sind wir endlich dort angekommen, wo die Frage nach dem Sinn der Bildung spannend wird, denn auch ein glückliches Leben kann unseren Kindern nur gelingen. Wir können es nicht für sie machen, auch wenn wir uns noch so sehr darum bemühen, aber wir können ihnen ermöglichen, sich all das anzueignen, was sie brauchen, damit ihr Leben gelingt. Dann werden sie auch glücklich sein. Und das, was sie dazu brauchen und was wir ihnen dafür mit auf den Weg geben können, ist Bildung. Bildung für ein gelingendes Leben.

Bildung ist etwas anderes als Ausbildung

Ausbildung dient dazu, später im Leben bestimmte Aufgaben übernehmen und bestimmte Leistungen erbringen zu können. Das dabei erworbene Wissen oder Können brauchen die in unsere Lebenswelt hineinwachsenden Kinder und Jugendlichen auch. Wer sich hinreichend viel spezifisches Wissen und Können angeeignet hat, der kann es möglicherweise auch sehr gut einsetzen und besonders erfolgreich werden. Was Heranwachsende in den von uns geschaffenen „Bildungseinrichtungen“ lernen können, reicht dafür allerdings nicht aus. Eine Ausbildung, also der Erwerb von Wissen und Können, auch von Kompetenzen ist zu wenig, um sein Leben so gestalten zu können, dass es auch wirklich gelingt. Allein damit kann aus einem Heranwachsenden kein glücklicher Mensch werden – bestenfalls ein gut ausgebildeter und vorübergehend erfolgreicher.

Bildung braucht Vorbilder

Die wirksamste Bewältigungsstrategie, die von einer bedrohten und verängstigten menschlichen Gemeinschaft gefunden werden kann, ist der Aufbau einer möglichst streng organisierten, hierarchisch geordneten Sozialstruktur. Hier agieren nur noch wenige Personen als entscheidungs- und handlungsfähige Subjekte, alle anderen haben sich deren Entscheidungen, Maßnahmen und Anordnungen unterzuordnen.

Nur so konnten Soldaten geführt und Kriege gewonnen werden. So können bis heute aber nicht nur kollektive Bedrohungen abgewendet, sondern auch von den Anführern erlangte Besitztümer und Privilegien gesichert werden. Weil das in allen menschlichen Gemeinschaften bisher so bedeutsam war, sind auch überall gesellschaftliche Einrichtungen und Strukturen geschaffen worden, die sicherstellten, dass immer wieder genügend Kinder und Jugendliche bereit waren, sich als Objekte zur Verwirklichung der Absichten und Ziele anderer Personen benutzen zu lassen. Die Aufgabe dieser Einrichtungen bestand nicht darin, die Entfaltung der individuellen Talente und Begabungen der Heranwachsenden zu ermöglichen, sondern die Stabilität des jeweiligen Gesellschaftssystems zu gewährleisten.

Deshalb werden sich die gegenwärtigen Verhältnisse und Beziehungen in unseren Schulen erst dann verändern, wenn sich auch die Verhältnisse und Beziehungen der Menschen auf der Ebene unserer gegenwärtigen Gesellschaft verändern. Nur solche Menschen, die gelernt haben, liebevoll mit sich selbst und deshalb auch mit anderen umzugehen, sind geeignete Vorbilder für Heranwachsende und können dazu beitragen, dass künftig kein Kind mehr seine angeborene Freude am eigenen Entdecken und am gemeinsamen Gestalten einer lebenswerten Welt mehr verliert.

Gerald Hüther

Gerald Hüther ist einer der bekanntesten Hirnforscher im deutsch­sprachigen Raum. Als Autor zahlreicher Sachbücher und Vortragender machte er sich bis dato auf dem Gebiet der neurobiologischen Präventivforschung einen weittragenden Namen. Hüther arbeitet zusätzlich als Kongress-Organisator und Berater für Politiker und Unternehmer. Er ist renommierter Gast in Rundfunk und Fernsehen und versteht sich als Wissensvermittler und Wissensumsetzer in einer Person. 2015 gründete er die Akademie für Potentialentfaltung in Göttingen, deren Leitung er als Vorstand innehat. Gerald Hüther möchte ein Brückenbauer zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und individueller Lebenspraxis sein. Deklariertes Ziel seiner akademischen Aktivitäten ist die Schaffung stetig günstigerer Voraussetzungen für die Entfaltung aller Potenziale der Menschheit.

Literaturhinweise zur Vertiefung:
References for further reading:
Gerald Hüther und Uli Hauser: Jedes Kind ist hoch begabt. Btb-Verlag 2013
Gerald Hüther: Mit Freude Lernen. V&R-Verlag 2016
Ken Robinson: Dein Kind, die Schule und Du. Ecowin-Verlag 2018
Marcell Heinrich, Mitch Senf und Gerald Hüther: Education for Future. Goldmann 2020
Margret Rasfeld: Freiday. Die Welt verändern lernen. Oekom-Verlag 2021
www.lernlust.jetzt