Religion Religion
Anselm Grün
Heute werfen viele Menschen den Religionen vor, sie seien am Unfrieden in der Welt schuld. Natürlich gibt es leider fundamentalistische Strömungen in allen Religionen. Denen geht es vor allem um Rechthaberei und so bekämpfen sie andere Religionen. Aber im Kern hat jede Religion eine Botschaft des Friedens und der Liebe, eine Botschaft, die ein neues Miteinander in der Gesellschaft der Zukunft ermöglichen kann. Deshalb möchte ich einige Beiträge ansprechen, welche die Religionen in der Zukunft für die Gesellschaft zu leisten im Stande sind. Dabei gehe ich davon aus, dass die Religionen miteinander einen konstruktiven Dialog führen und so gemeinsam an einer besseren Zukunft arbeiten.
Max Horkheimer, der jüdische Philosoph, ein führender Kopf der Frankfurter Schule und Star der 68er-Generation, meint, die Aufgabe der Religionen sei es, in dieser Welt die Sehnsucht nach dem ganz Anderen wach zu halten. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Humanisierung der Gesellschaft. Denn die Gesellschaft hat aus sich heraus immer totalitäre Züge, sie möchte den totalen Zugriff zum Menschen. Wir erleben diese Tendenz heute ja hautnah. Wir sprechen vom gläsernen Bürger, von der Verabsolutierung der Ökonomie vor allem Menschlichen. Die Religionen haben mit ihren Ritualen die Aufgabe, einen Freiraum zu schaffen, in dem der Mensch nicht verzweckt wird, in dem er frei aufatmen kann. Auf diese Weise halten Religionen den Himmel über den Menschen offen. Sie vermitteln den Menschen, dass es nicht nur um Geld und Anerkennung und Vergnügen geht, sondern um das, was den Menschen transzendiert, was ihn übersteigt. Den Menschen macht es erst ganz zum Menschen, wenn er an etwas glaubt, das größer ist als er selbst. An ein Geheimnis, das ihn übersteigt.
Die zweite Aufgabe der Religionen ist es, das Heilige im Menschen zu hüten. Das Heilige ist das, was der Welt entzogen ist und ein Weg, das Heilige im Menschen zu hüten, sind Rituale. Sie schaffen eine heilige Zeit, eine Zeit, die Gott gehört und die ganz und gar mir gehört, über die niemand anders verfügen kann. Die heilige Zeit ist die Zeit, in der ich selber lebe, anstatt gelebt zu werden. Die griechischen Philosophen waren überzeugt: Nur das Heilige vermag zu heilen. Das Heilige befreit uns vom Zugriff der Welt.
Das Heilige zu hüten bedeutet auch, den innersten Raum des Menschen zu schützen. Das ist ein Raum der Stille auf dem Grund der Seele, zu dem die Menschen mit ihren Erwartungen keinen Zutritt haben und zu dem der Lärm dieser Welt nicht vordringen kann. Das ist ein Raum, in dem wir frei sind und authentisch, in dem wir uns nicht beweisen müssen, sondern einfach sein dürfen.
Die Evangelisten erzählen uns von der Versuchung Jesu. Der Teufel, der „Diabolos“, der alles durcheinanderbringen will, fordert Jesus dabei auf, er solle die Steine in Brot verwandeln (vgl. Mt 4,3). In der Antike kannte man allerdings heilige Steine, die man nicht verwerten durfte. Und heute gibt es genauso die Tendenz, dass alles konsumierbar sein muss. Alles muss etwas bringen. Das Zweckfreie muss irgendeinem Zweck unterworfen werden – das Gebet, die Meditation, die Stille. Dabei sollen das religiöse Tun, das Gebet und der Gottesdienst zweckfreie Räume sein. Das Heilige gibt dem Menschen unantastbare Würde in einer Zeit, in der wir alles breittreten wollen. Kirchen sind oft nur noch museale Räume, die immer geöffnet sein müssen, um sie besichtigen zu können und viele halten es nicht einmal aus, dass Kirchen nicht besichtigt werden können, solange ein Gottesdienst gefeiert wird. Sie können nicht verstehen, dass Klöster eine Klausur haben, die für andere nicht zugänglich ist.
Indem die Religionen das Heilige im Menschen hüten, bewahren sie ihn davor, dem Terror des Konsums ausgesetzt zu werden, denn der Mensch hat Würde. Unabhängig davon, was er bringt oder was er für die Gesellschaft leistet.
Friedrich Nietzsche
Der jüdische Psychotherapeut Viktor Frankl hat festgestellt, dass heute viele Menschen psychisch krank werden, weil sie keinen Sinn im Leben sehen. Viele versuchen, die Sinnlosigkeit zu verdecken, indem sie sich in Aktionismus stürzen. Doch dahinter steht eine große Leere. Einen Sinn im Leben zu finden, gehört zur Würde des Menschen. Frankl zitiert zustimmend den deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche: „Wer ein Wozu hat, der kann fast jedes Wie ertragen.“ Der Sinn stärkt den Menschen. Frankl bedauert, dass wir heute zwar genug von dem haben, wovon wir leben, aber zu wenig, wofür wir leben.
Viktor Frankl hat die Erfahrung gemacht, dass die Religionen seit jeher Sinnstifter für die Menschen waren. Daher haben sie eine wichtige Aufgabe für die Gesellschaft. Denn eine Gesellschaft, die dem Menschen keinen Sinn vermitteln kann, warum er lebt, verliert ihre Kraft. Viktor Frankl unterscheidet drei Werte, die uns Sinn vermitteln können:
Die Erlebniswerte: Wenn wir intensiv etwas erleben, einen Sonnenuntergang oder einen Gottesdienst, dann ist in diesem Augenblick das Leben sinnvoll.
Die schöpferischen Werte: Wenn uns ein Gespräch gelungen ist, eine Arbeit geglückt ist, fühlen wir Sinn.
Die Einstellungswerte: Frankl sagt: „Das Schicksal kann uns vieles rauben. Es kann uns die Gesundheit rauben, liebe Menschen durch den Tod entreißen, uns die Arbeitsstelle nehmen, die uns erfüllt hat. Aber eines kann es uns nicht nehmen: die Freiheit, darauf zu reagieren.“
Die Religionen haben uns seit jeher Wege gezeigt, wie wir mit schwierigen Situationen – wie wir mit dem Leid umgehen können. Die christliche Botschaft von Tod und Auferstehung vermittelt uns die Hoffnung, dass alles verwandelt werden kann: Dunkelheit in Licht, Scheitern in einen Neuanfang, Niederlage in einen Sieg. So bleiben wir nicht in der Opferrolle stecken, in die sich heute viele Menschen flüchten. Wir haben immer die Freiheit, auf das zu reagieren, was von außen unser Leben und unsere Pläne durchkreuzt.
Die Religionen stiften dem Menschen nicht nur Sinn, sondern auch Hoffnung, Hoffnung, dass das Leben gelingt, auch wenn es nach außen gerade leidvoll und schwierig erscheint. Unsere Gesellschaft zeichnet sich momentan nicht durch Hoffnung aus. So haben die Religionen die Aufgabe, Sauerteig der Hoffnung für die Gesellschaft zu werden, ihr die Hoffnung zu vermitteln, dass sich die Probleme der Zukunft lösen lassen.
In vielen Ländern ist heute die Gesellschaft in Gefahr, sich zu spalten. Da bekämpft eine Gruppe die andere, ohne Bereitschaft, die Bedürfnisse der anderen Gruppe zu verstehen. Nationalistische Länder denken nur an sich. Die Religionen lehren uns Solidarität. Wir hängen miteinander zusammen und sind füreinander verantwortlich. In der Pandemie haben wir erlebt, dass wir uns mit dem Virus anstecken können. Wir können einander schaden. Wir können uns aber auch mit positiven Gedanken und Gefühlen anstecken. Jeder von uns ist für sich verantwortlich, mit welcher Stimmung er am Morgen in den Tag geht, mit dem Gefühl von Bitterkeit, Pessimismus und Aggression oder aber mit dem Gefühl von Wohlwollen und Liebe. Das, was wir ausstrahlen, hat Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft. Ja, von der Quantenphysik her wissen wir, dass unser Denken eine weltweite Wirkung erzielt. Wir graben mit unserem Leben eine Spur in diese Welt, die diese Welt formt. Und es ist unsere Aufgabe, eine Spur der Liebe und der Hoffnung in diese Welt einzugraben.
Die Religionen vertreten eine Spiritualität der Barmherzigkeit. Jesus sagt: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist.“ (Lk 6,36). Das griechische Wort „oiktirmon“, das Jesus hier verwendet, bedeutet: mitfühlend. Das Mitgefühl ist auch für den Buddhismus eine zentrale Haltung. Dalai Lama vermittelt immer wieder, dass das Mitgefühl die Bedingung dafür ist, dass der Mensch glücklich wird und dass das Leben in der Gesellschaft gelingt. Das Mitgefühl verwandelt die Gesellschaft in eine Gemeinschaft. Und das Mitgefühl macht die Gesellschaft barmherziger. Wir erleben heute, wie wir unbarmherzig jeden verurteilen, der gegen eine gesellschaftliche Norm verstoßen hat. Auch unsere Sprache wird immer härter, verurteilender und unbarmherziger. Die Religionen laden uns dazu ein, eine andere Sprache zu sprechen. Eine versöhnende, mitfühlende, ermutigende Sprache.
Der amerikanische Trappist Thomas Merton hat im Jahre 1968 kurz vor seinem Tod in Kalkutta eine Rede vor Vertretern verschiedener Religionen gehalten. Zum Schluss seines Vortrags meinte er, in der Tiefe unserer Seele seien wir schon alle eins. Wir sollten uns dieses Einsseins bewusst werden. Die Religionen unterstützen uns dabei. Schon die griechischen Philosophen haben von dieser Einheit gesprochen, die bei aller Verschiedenheit der Menschen das Band ist, das uns miteinander verbindet. Es ist heute für uns hilfreich, da wir in der Gesellschaft soviel Spaltung und Individualismus erleben. Es ist heute für uns hilfreich, um uns darüber bewusst zu werden, dass wir bei aller Verschiedenheit in der Tiefe schon eins sind. Wenn wir uns dieser inneren Einheit bewusst werden, wirken wir gegen die Spaltungstendenzen, die wir in unserer Gesellschaft wahrnehmen. Und das Gefühl des Einsseins tut auch dem Einzelnen gut. Er ist nicht isoliert. Er fühlt sich zugehörig. In der Tiefe erlebt er ein „All-Eins-Sein“ – eine spirituelle Erfahrung, die unser Miteinander verwandeln kann.
Das waren nur einige Gedanken über die Aufgabe der Religionen für die Gesellschaft der Zukunft. Im Grunde verehren alle Religionen denselben Gott. Wir haben nur verschiedene Bilder von Gott. Aber es gibt nur den EINEN Gott. Dieser Gott ist jenseits aller menschlichen Begriffe und Vorstellungen. Vor diesem EINEN Gott hört alle Rechthaberei auf. Keiner von uns ist im Besitz der Wahrheit. Denn Gott ist die eigentliche Wahrheit. Und die kann nicht mehr mit Worten beschrieben werden. Auf sie hin sind wir alle unterwegs. Und auf diesem gemeinsamen Weg haben die Religionen Werte und Haltungen zu vermitteln, die ein Segen sind für diese Welt.
Mit mehr als 14 Millionen, in mehr als 30 Sprachen übersetzten, Büchern gilt Pater Anselm Grün als einer der erfolgreichsten Autoren spiritueller Bücher weltweit. Als Mönch der Benediktinerabtei Münsterschwarzach war der studierte Betriebswirt und Doktor der Theologie bis 2013 als Cellerar für die wirtschaftlichen Belange des Hauses zuständig. Heute widmet er sich zur Gänze dem Schreiben, der Gestaltung von Vorträgen sowie der Auslegung des Evangeliums online. Er agiert außerdem nach wie vor als geistlicher Leiter des von ihm ins Leben gerufenen Recollectio-Hauses – einer Institution zur ganzheitlichen Stärkung pastoraler Aufgaben für Geistliche. Sein Buch Lebensmitte als geistliche Aufgabe (erschienen im klostereigenen Vier-Türme-Verlag) erlangte besonders große Bekanntheit. Es wurde 2018 von Papst Franziskus empfohlen. 2007 erhielt Pater Anselm Grün das Bundesverdienstkreuz am Bande. 2011 wurde ihm der Bayerische Verdienstorden verliehen.