Ein Vorwort A foreword
Irmtraud Fischer
In Umbruchs- und Krisenzeiten ist Neuorientierung gefragt. Klimawandel, Inflation, Krieg und Cyberangriffe sowie Verunsicherung aufgrund der Neuentwicklungen von künstlicher Intelligenz sind nur einige der drängendsten Fragen, die gesellschaftliche Entscheidungen einfordern, welche unser zukünftiges Leben massiv mitbestimmen werden.1 Es sind aber nicht nur kollektive Krisen, in denen Menschen die Sinnfrage stellen und ihr Leben neu denken.
War Sinngebung in früheren Jahrhunderten sehr stark oder teils sogar beinah ausschließlich durch Religionen geprägt, so gilt dies für das westliche Europa heute nicht mehr. Insbesondere die Kirchen haben ihre traditionelle Deutungshoheit in breiten Bevölkerungskreisen verloren. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Menschen keine spirituellen Bedürfnisse mehr haben oder die Sinnfrage nicht mehr stellen. Manche suchen Halt bei manipulativen Gurus oder obskuren Gruppen, die Individuen geistig und auch finanziell an sich binden wollen. Aber auch Lebens- oder Ernährungsstile können zu Religionsersatz und zu Weltanschauungen werden. Für das in früheren Zeiten so genannte Bildungsbürgertum, das heute Kunstsinnige aller Gesellschaftsschichten miteinbezieht, erfüllen die Künste eine sinngebende Funktion. Wo Geistes- und Kulturwissenschaften sich nicht in den Elfenbeinturm zurückziehen, haben sie ein großes Potenzial der gesellschaftlichen Sinnstiftung. Sie als ‚unproduktive Wissenschaften‘ zu marginalisieren und junge Menschen in technische, wirtschaftliche oder naturwissenschaftliche Studien zu drängen, wird daher auf Dauer auch gesellschaftliche Folgen haben – und dies nicht nur für eine von weiten Kreisen akzeptierte Ethik, sondern insgesamt für die Art und Weise der Welt- und Lebensdeutung. Menschen brauchen, um sich in ihrer Zeit, Kultur und Umwelt orientieren und entwickeln zu können, Welt erzeugende Erzählungen2, Narrative, die ermächtigendes Wissen vermitteln, um Welterfassung und Weltdeutung im Leben umzusetzen. Dabei geht es freilich nicht nur um konkrete Weltgestaltung, sondern auch um Sinnfindung und Ideale. Ein derzeit besonders drängender Aspekt für ein gutes Leben in der Zukunft ist das Erhalten – oder das Wiederherstellen – der Kommunikationsfähigkeit über Parteipolitik, Religionszugehörigkeit und weltanschaulich einheitliche Zirkel oder enge Echogruppen hinaus: Man muss nicht gleich gleicher Meinung sein, aber wo das Gespräch abgebrochen wird, weil das Gegenüber nicht der eigenen Weltdeutung entspricht, korrodieren die gesellschaftliche Kommunikation und der Sinn für ein gedeihliches Gemeinwesen.
Das transdisziplinäre Gespräch in den Wissenschaften dient aber nicht nur der Vermeidung sozialer Fliehkräfte, sondern ist auch wirtschaftlich notwendig. Denn nur dort, wo aus den in Einzelwissenschaften vorherrschenden Paradigmen oder Methoden hinausgedacht wird, entstehen nicht nur Verbesserungen eines bereits vorhandenen Produkts, sondern Innovationen. Da in Bezug auf die Wissenserzeugung die Spezialisierung auf allen Gebieten immer weiter fortschreitet, ist eine qualitätsvolle Zusammenschau selbst in den einzelnen Fachdisziplinen kaum mehr möglich. Nur der Dialog von Forschenden unterschiedlicher Denominationen wird in Zukunft das nötige Potenzial haben, um unser Leben förderlich für Mensch und Umwelt neu zu gestalten.
Freilich muss eine Neuordnung in und nach Krisen von politischen Entscheidungen geleitet werden, die sich nicht an den Stärksten, die Medien in der Hand und die finanziellen Mittel für Lobbyismus haben, sondern an den Schwächsten einer Gesellschaft orientieren. Wo dies auf längere Zeit hin nicht entsprechend gelingt, sind soziale Unruhen und Umbrüche vorprogrammiert. Diese ziehen nicht nur wirtschaftliche Turbulenzen nach sich, sondern erschüttern ebenso die soziale und persönliche Sicherheit. Auch wenn gesellschaftliche Teilhabe aller Bevölkerungsschichten für reiche Wirtschaftstreibende oft ein Schreckgespenst zu sein scheint, muss sie im Interesse aller sein. Nur sie gewährt eine gesicherte Existenz, um die Europa heute weltweit beneidet wird. Das bedeutet freilich nicht, einer gesellschaftlichen Stagnation das Wort zu reden und die auch auf unserem Kontinent bestehenden Unrechtsstrukturen unangetastet zu lassen. Ein waches Bewusstsein für Diversitäten, die in Bezug auf Benachteiligungen intersektional verwoben sind, ist für kluge politische Weichenstellungen für die Zukunft unabdingbar. Wo sie zielführend sind, werden eingefahrene Traditionen neu ausgerichtet, ohne dabei geschichtslos zu werden. In dem internationalen Großforschungsprojekt Die Bibel und die Frauen, das in 21 Bänden und vier Sprachen erscheint und an dem weltweit über 300 Forschende beteiligt sind3, wird versucht, eine solche Neuorientierung von traditionellem Wissen in der Theologie exemplarisch aufzuzeigen. Indem das Team der überlieferten, männlich dominierten Rezeption biblischer Texte, Figuren und Themen seit deren Entstehung bis heute nachgeht, konnte es aufweisen, dass noch erstaunlich Vieles unentdeckt in Archiven schlummert, obwohl doch vorauszusetzen war, dass der weibliche Anteil an der Geschichte nicht überliefert wurde oder ihm doch wesentlich weniger Aufmerksamkeit zuteilwurde. Ob eine Neuausrichtung von Traditionen und deren Diffusion für eine breite Basis gelingt, hängt jedoch nicht nur von der akademischen Theologie ab, die sich in den letzten dreißig Jahren in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit, Rassismus und dem Anspruch, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein, sehr gewandelt hat, sondern von den religiösen Institutionen, die die Schnittstelle zur religiösen Praxis darstellen. Auch wenn manche evangelischen Landeskirchen und einige jüdische Verbände Vorreiterrollen eingenommen haben, sind die in Europa dominierenden Religionen insgesamt noch weit von einer Geschlechtergerechtigkeit entfernt.
Traditionen in ihrer historischen Bedingtheit zu erkennen und für die Zukunft neu zu denken, ist allerdings eine Aufgabe für alle Wissenschaften und Kulturtreibenden. Niemand beginnt von Null an, sondern ist durch seine Herkunft, seine Ausbildung, sein berufliches, privates und soziopolitisches Umfeld geprägt, von dem aus immer wieder das Leben neu gedacht und Sinngebung aktualisiert wird. In diesem Werk wird dieser interdisziplinäre Blick auf das große Ganze durch die Betrachtung aus vielen Perspektiven geschärft. Auf dass wir das Leben neu erdenken und gut leben.
Irmtraud Fischer organisiert seit 2008 die Ausseer Gespräche, die transdisziplinär Wissenschaften und Künste in entspannter Atmosphäre der intellektuellen Sommerfrische in Bad Aussee in der Steiermark ins Gespräch bringen. Als erste habilitierte Theologin in Österreich hatte sie nach einer Frauenforschungsprofessur an der Universität Bonn bis 2022 die Professur für Alttestamentliche Bibelwissenschaft an der Universität Graz, an der sie vier Jahre lang auch Vizerektorin für Forschung war, inne. Derzeit arbeitet sie an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät für das Internationale Graduiertenkolleg Resonante Weltbeziehungen und in der Doktoratsausbildung auf den Gebieten der antiken Mittelmeerkulturen und der Genderforschung. 2022 erhielt sie den Gabriele-Possanner-Würdigungspreis für ihr Lebenswerk im Bereich der Geschlechterforschung, 2017 das Ehrendoktorat der Geschichts- und Kulturwissenschaften der Universität Gießen.