Technik Technology
Manfred Broy
Keine technische Entwicklung der Neuzeit hat Gesellschaft und Wirtschaft, aber auch die Lebensführung der Menschen stärker beeinflusst als die Digitalisierung. Sie markiert einen stärkeren Einschnitt und eine weitergehende Veränderung in der Gesellschaft als die Erfindung des Buchdrucks. Besonders bemerkenswert ist die unglaubliche Geschwindigkeit, mit der die Digitalisierung voranschreitet. Das führt dazu, dass die ausgelösten Veränderungen wie ein Tsunami über die Menschen kommen. Getrieben wird die Geschwindigkeit von einem aberwitzigen technologischen Fortschritt, getrieben von wirtschaftlichen und politischen Interessen der unterschiedlichsten Gruppierungen, die in schneller Folge Innovationen realisieren, ohne dabei deren Auswirkungen abschätzen zu können oder überhaupt zu wollen und die für den betroffenen Menschen weitgehend undurchsichtig bleiben.
Im Ergebnis nimmt die Digitalisierung eine Richtung, die weitgehend von unabgestimmten und unkontrollierten wirtschaftlichen und politischen Interessengruppen bestimmt ist. Eine gesellschaftliche Diskussion und demokratische Festlegung des Kurses finden nicht statt, und das, obwohl die Digitalisierung eine unglaubliche Fülle von Möglichkeiten mit sich bringen könnte, die Zukunft menschenwürdig zu gestalten.
Der technische Schlüssel zur digitalen Welt liegt letztlich in dem Konzept der Programmierung, in der Software, in der Erfassung der unterschiedlichsten Zusammenhänge durch Daten, in der maschinellen Ausführung von Algorithmen und in der weltweiten Übertragung von Daten. Die Anfänge der programmierten Verarbeitung von Daten liegen weit zurück: in Verfahren aus der Mathematik zur Durchführung von Berechnungen und dem Versuch des Baus von Rechenmaschinen – wie etwa auch in Forschungen von Gottfried Wilhelm Leibniz. Neue Fahrt nahmen diese Ansätze im 20. Jahrhundert erst in den 30er- und 40er-Jahren auf. Sie wurden ermöglicht durch Fortschritte im Bereich der Elektrotechnik – die vorher mechanischen Recheninstrumente wurden auf elektrische umgestellt, um letztlich auf elektronischer Basis zu rechnen.
Datenverarbeitung kann – weit über mathematische oder technische oder Finanzdaten hinaus – auf praktisch alle Informationen – ja auf alle Begriffe und Konzepte menschlichen Denkens und Handelns – angewendet werden: Texte, Bilder und eine Vielzahl anderer komplexer Zusammenhänge. Dies erlaubte auch die Gestaltung hochleistungsfähiger Benutzerschnittstellen, die für die unterschiedlichen Anwendungen eingesetzt werden – wie das durch das Smartphone eindrucksvoll demonstriert wird.
Von besonderer Bedeutung erweist sich, dass man immer dann, wenn man einen Anwendungsgegenstand mit Software und den Mitteln der Digitalisierung in Angriff nehmen will, gezwungen ist, den Gegenstand und die dabei betrachteten Konzepte formal zu erfassen in einem expliziten oder impliziten formalen Modell. Dies erweist sich als außerordentlich innovationsförderndes Konzept, da es dazu zwingt, viele der Zusammenhänge, die zuvor eher implizit, intuitiv und damit nur vage verstanden und erschlossen waren, genauer unter die Lupe zu nehmen und bis in die letzten Einzelheiten zu analysieren und formal zu modellieren – ein wesentlicher Schritt für ein tieferes Verständnis.
Es entstand der vielfältige Komplex der Digitalisierung, ein Begriff, unter dem alles subsummiert wird, was in der Anwendung von Software heute auftritt. „Software is eating the world“ ist ein bekanntes Motto aus Kalifornien. Gemeint ist damit, dass tatsächlich alle Gegenstände des menschlichen Handelns, ob in Ökonomie, Politik, in der Gesellschaft, im Privaten, durch Software und Daten erfasst werden – dies vor dem Hintergrund einer gigantischen digitalen Infrastruktur aus Rechnern, Endgeräten, digitalen Netzen, Sensoren und Aktuatoren, riesigen Datenmengen und Softwaresystemen und – nicht zuletzt – mit nahezu der gesamten Menschheit als Nutzergemeinde.
Der digitale Wandel mit seinen dramatischen Veränderungen setzt die Gesellschaft, die Politik, die Wirtschaft und jeden einzelnen unter einen Erwartungsdruck und ruft Spekulationen, ja Ängste über die Zukunft hervor. Neben Aussichten auf hohe wirtschaftliche Potenziale des digitalen Wandels gibt es auch weitreichende Bedenken. Die offenen Fragen betreffen insbesondere die soziale Balance in der Gesellschaft, die Auswirkung auf den Arbeitsmarkt, Fragen der Privatheit und der Nutzung von Daten sowie die Rolle der zukünftigen digitalen Systeme, gerade unter Stichworten wie künstliche Intelligenz, Autonomie und datengetriebene Gesellschaft. Aktuell stellen sich Fragen der Überwachung, Manipulation und Fremdbestimmung durch Algorithmen, insbesondere durch Algorithmen der künstlichen Intelligenz. Digitalisierung verstärkt alles, Reichtum wie Armut.
Die Digitalisierung führt auf grundlegende Fragestellungen, die bisher in der Politik und in der Kultur viel zu wenig adressiert werden. Die Bilder und Ziele des digitalen Wandels sind bislang nahezu ausschließlich wirtschaftlich motiviert. Unter Bezug auf die zweifellos gegebenen wirtschaftlichen Potenziale des digitalen Wandels werden, ohne dabei auf gesellschaftliche und individuelle und auch demokratische Veränderungen einzugehen, vermeintlich positive Bilder digitaler Möglichkeiten gezeichnet. Stärker im Bereich der Zivilgesellschaft liegende Überlegungen hingegen sind vornehmlich gekennzeichnet durch Befürchtungen vor Überwachung, auch vor Cyberangriffen, zu Unsicherheiten für Arbeitsplätze und negative Auswirkungen für die Privatheit und die Selbstbestimmung.
Die immer wieder auftretenden Vorschläge wie der eines unbedingten Grundeinkommens können solche Ängste nicht verhindern. Im Gegenteil, es kann doch keine Perspektive für eine Zukunftsgesellschaft sein, dass 20 bis 30 % der Bevölkerung für keine professionelle berufliche Tätigkeit mehr benötigt werden – „überflüssig“ sind – und über ein unbedingtes Grundeinkommen versorgt werden.
Dies ist eine zynische Vorstellung und führt zu einem Zukunftsbild, das der Mehrheit der Bürger alles andere als erstrebenswert erscheint. Längst ist deshalb eine positive Vision einer digitalisierten Gesellschaft überfällig, die eine Vorstellung davon entwickelt, wie eine digitale Transformation zu einer Gesellschaft, zu einer Lebensweise und Kultur führt, in der elementare Werte geachtet werden und Menschen ein menschenwürdiges Leben führen, ohne dabei auf die enormen Potenziale digitaler Techniken und Medien verzichten zu müssen, ja mehr noch, die durch die digitalen Möglichkeiten neue gesellschaftliche Potenziale erschließt.
Heute trifft Digitalisierung nicht nur in hochentwickelten Staaten alle Menschen. Immer mehr überkommene Verfahren werden auf digitale Instrumente umgestellt, stützen sich auf digitale Infrastruktur ab und erfordern von den Menschen die Nutzung digitaler Medien. Gerade auch durch die Pandemie ist deutlich geworden, welche Vorteile digitale Lösungen mit sich bringen, aber auch mit welcher Wucht diese bereits heute zum Standard zählen. Die Kehrseite ist eine wachsende Komplexität, die viele Menschen letztlich überfordert.
Der digitale Wandel ist vergleichbar mit einem Tsunami: Er hat eine ähnlich zerstörerische Wirkung und schreitet mit ähnlicher Geschwindigkeit voran. Überkommene Verfahren und Vorgehensweisen werden blitzschnell ersetzt. Ganze Industrien verlieren an Bedeutung, neue Unternehmensformen und Verfahrensweisen entstehen und die Menschen stellen – bereitwillig oder unter stillem Druck des Faktischen – ihre Daten zur Verfügung und ihre Lebensweise um. Besonders augenfällig ist das im Bereich der Kommunikation mit den zahllosen Messenger-Diensten oder im Bereich des Einzelhandels, wo Webshops dabei sind dominant zu werden. Hinzu kommt die verführerische Wirkung sozialer Netze, die soziale Strukturen nachhaltig durcheinanderwirbeln.
Treiber des digitalen Wandels sind vornehmlich digitale Unternehmen, allen voran sogenannte Hyperscaler wie Google, Facebook, Apple, Amazon, Microsoft und viele mehr, die jedes für sich bestimmte Geschäftsfelder erschlossen haben und diese oft als Monopole mit unglaublicher Wucht und wirtschaftlichem Erfolg nutzen. Wichtiger Faktor ist dabei eine enge Ausrichtung auf Nutzergemeinschaften, auf den Endverbraucher. Diesem werden oft attraktive Dienstleistungen – oftmals vermeintlich kostenfrei – angeboten und diese Dienstleistungen werden implizit finanziert durch die Informationen und Daten, die von den Nutzern gewonnen werden. Es entsteht eine vielfach kritisierte Überwachungsindustrie, die in vielfältiger Weise Daten über ihre Nutzer sammelt, diese vermarktet und darauf abgestellt völlig neuartige Geschäftsmodelle kreiert.
Diese Überwachungsmöglichkeiten nutzen verstärkt auch totalitäre Staaten, um Bürger bis ins letzte Detail auszuspähen und digital zu bewerten. Unter dem Stichwort „social scoring“ entstehen Verfahren, die das Verhalten von Bürgern bewerten, ihnen gewissermaßen Noten geben, die dann wiederum dazu dienen, ihnen bestimmte Privilegien einzuräumen bzw. zu verweigern. Aus der Überwachungsindustrie wird der Überwachungsstaat. Dies zeigt, dass die Digitalisierung bisher im Wesentlichen bestimmt wird von den wirtschaftlichen Interessen großer Unternehmen und den politischen Absichten – insbesondere totalitärer – Staaten. Trotz dieses sicherlich kritischen Hintergrunds darf man aber nicht verkennen, dass in der Digitalisierung ein riesiges Pozential steckt, das in weiten Teilen noch gar nicht erschlossen ist.
Die Industrialisierung hat in den frühen Phasen Produkte und Verfahren entwickelt, die die physischen Kräfte des Menschen ergänzt und gesteigert haben, sodass er in der Lage war, ganz andere Energien als die ihm physisch gegebenen einzusetzen, sich mit ganz anderen Geschwindigkeiten zu bewegen, sich Energie zu Nutze zu machen, die Tiefen der Meere, den Luftraum und gar den Weltraum für sich zu erobern. Die Digitalisierung hingegen erlaubt dem Menschen die Steigerung seiner geistigen, mentalen, intellektuellen Fähigkeiten. Das Instrument Digitalisierung ist vielfältig und enorm leistungsfähig, aber bislang fehlt eine Vision, wie die Digitalisierung dazu beitragen kann, die Gesellschaft in eine menschenwürdige Richtung zu bewegen.
In welcher Welt lebt der Mensch? Menschen sind biologische Wesen. Entsprechend leben sie in einer materiellen Welt mit Körpern, die Materie sind und in Materie existieren und leben. Menschen sind aber, und das zeichnet sie besonders aus, auch intellektuelle Wesen1. Entscheidend für die Identität der Menschen ist dabei zweifellos ihr Bewusstsein2. Eine allgemein gültige Definition des Begriffes ist aufgrund seines unterschiedlichen Gebrauchs mit verschiedenen Bedeutungen schwer möglich. Die naturwissenschaftliche Forschung beschäftigt sich mit definierbaren Eigenschaften bewussten Erlebens. Digitalisierung führt auf neue Dimensionen des Empfindens, des Erlebens und letztlich der Erkenntnis. Christian Wolff (1679–1754) postuliert (siehe Wikipedia) in seinem Werk Einleitende Abhandlung über Philosophie im Allgemeinen drei Hauptarten der Erkenntnis:
Eine brennende Frage im Zusammenhang mit der Digitalisierung ist letztlich, wie die Digitalisierung einen Beitrag zur Erkenntnis liefern kann, zu den drei Hauptarten der Erkenntnis und damit zum Bewusstsein.
Vieles, was den Menschen ausmacht, lässt sich unmittelbar mit und in der Digitalisierung abbilden und unterstützen. Dabei wird in diesem Text bewusst nicht diskutiert, in welcher Form Digitalisierung großes Potenzial hat, um in wichtigen Problemfeldern Menschen zu helfen wie beispielsweise in der Medizin oder im Verkehr. Diese Themenfelder werden intensiv bearbeitet, wenn vielleicht auch zu sehr unter Zielsetzungen des wirtschaftlichen Erfolgs. Interessanter scheint aber die Frage, welchen Beitrag die Digitalisierung zum Menschsein leisten kann, zur Interaktion zwischen Menschen, zur Reflexion und zu einem bewussteren Leben. Oder die Frage, ob die Digitalisierung helfen kann, dass Menschen neue Formen kulturellen Selbstverständnisses und bewussterer Identität erleben.
Die im Rahmen der Pandemie stattfindende Diskussion zur Digitalisierung im Bildungswesen greift viel zu kurz, so wichtig Distanzunterricht oder Home Office sein mögen. Dabei wird völlig verkannt, worin die Zukunft einer Bildung mit digitaler Fundierung liegt.
Digitalisierung hängt letztlich mit den schwierigen Fragen menschlichen Bewusstseins zusammen. Diese Thematik ist in weiten Teilen wissenschaftlich noch nicht voll verstanden und geklärt. Es gibt sogar Stimmen, die sagen, dass sich dieser Bereich einer wissenschaftlichen, rationalen Behandlung weitgehend entziehen könnte. Trotzdem stellt sich bei der Betrachtung der Möglichkeiten der Digitalisierung die Frage, ob diese zu einem bewussteren und intensiveren und reflektierteren Leben beitragen können. Wie können die intellektuellen Fähigkeiten von Menschen dadurch gesteigert werden?
Dies erfordert vor dem Hintergrund einer gesellschaftlichen und intellektuellen Zieldefinition letztlich ein viel tieferes Verständnis menschlicher Existenz und der Vorgänge im menschlichen Denken als die heute so lautstark propagierte künstliche Intelligenz.
Nach dem Studium der Mathematik und Informatik promovierte und habilitierte Professor Manfred Broy an der Fakultät für Mathematik und Informatik der Technischen Universität München, wo er 1992 Gründungsdekan der Fakultät für Informatik war. Er forscht seitdem auf dem Gebiet der Modellierung und Entwicklung komplexer, softwareintensiver Systeme. Ziel seiner akademischen Bestrebungen ist die Fundierung und Weiterentwicklung der Methoden des Software & Systems Engineerings mit den Schwerpunkten Qualitätssicherung und langfristige Systemevolution. Manfred Broy ist Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften, der Leopoldina, der acatech saowie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Er trägt das Ehrendoktorat der Universität Passau sowie die Fellowship der Gesellschaft für Informatik. Seiner Feder entstammen bis dato mehr als 520 wissenschaftliche Publikationen.
1 Nach Wikipedia: Der Intellekt (von lateinisch intellectus ‚Erkenntnisvermögen‘, ‚Einsicht‘, ‚Verstand‘) ist ein philosophischer Begriff. Er bezeichnet die Fähigkeit, etwas geistig zu erfassen, und die Instanz im Menschen, die für das Erkennen und Denken zuständig ist. „Intellekt“ wird oft als Synonym für „Verstand“ verwendet, kann aber auch die Bedeutungen „Vernunft“, „Bewusstsein“ oder „Geist“ haben.
From Wikipedia: The intellect (from Latin intellectus “cognitive faculty”, “insight”, “mind”) is a philosophical term. It denotes the ability to grasp something mentally and the instance in man that is responsible for cognition and thinking. “Intellect” is often used as a synonym for “mind”, but can also have the meanings “reason”, “consciousness”, or “spirit”.
2 Nach Wikipedia: Bewusstsein (abgeleitet von dem mittelhochdeutschen Wort bewissen im Sinne von „Wissen über etwas habend“) ist im weitesten Sinne das Erleben mentaler Zustände und Prozesse.
From Wikipedia: The German term “Bewusstsein” (=consciousness) derives from the Middle High German word “bewissen”, which means “having knowledge about something”. In the broadest sense, it therefore describes the experience of mental states and processes.