Robotik Robotics
Alfons Riek
Als die Robotik noch in den Kinderschuhen steckte, war die landläufige Annahme, dass Roboter hauptsächlich in Fabriken, stationär und ohne direkte Interaktion mit den Menschen eingesetzt werden würden – wie zum Beispiel in Schweißanlagen. Betrachtet man die aktuellen Statistiken, fällt schnell auf, dass die Robotik heute in Bereichen explodiert, an die man vor 20 Jahren noch gar nicht dachte. Allgegenwärtig sind heute Roboter als direkte Gehilfen der Menschen – im Dienstleistungssektor und sogar zu Hause. Diese sogenannten „Kobots“ agieren völlig frei und direkt ohne Schutzkäfig mit den Menschen. Allgegenwärtige Assistenz vom Staubsaugerroboter über die Zustellungsdrohne bis hin zum Automaten für Hygieneartikel ist heute Realität.
Während der industriellen Revolution – zum Beispiel an den Fließbändern Henry Fords Model T – saßen Heerscharen von Arbeitern, die ein und denselben Handgriff tagein tagaus wiederholten. „Wir brauchen keine Hirne, wir brauchen Hände“, lautete damals das Motto. Diese Zeiten sind passé. Menschen suchen heute in Bezug auf ihre tägliche Arbeit Herausforderung, Sinn und Würde. Auch von den Heerscharen ist in vielen Branchen keine Rede mehr. Das heißt: Arbeitskräftemangel gepaart mit steigenden Ansprüchen der Verbleibenden kann als einer der Trigger für die kobotische Revolution betrachtet werden. Weil Menschen ihren stummen Dienern immer mehr vertrauen und weil man im Großen und Ganzen dankbar dafür ist, dass Maschinen Arbeiten übernehmen, die dem Menschen stupide, repetitiv oder gefährlich erscheinen, wird diese Entwicklung fortschreiten. Sie wird unseren Alltag vollkommen durchdringen.
Während in Europa heute noch Ressentiments gegen zu offensichtliche robotische Assistenz vorherrschen – der Roboter-Kellner im Restaurantservice hat sich noch nicht durchgesetzt – gibt es keine Probleme mit Kobots, die nach dem Essen abräumen. Der Grund dafür ist, dass man diese Maschinen nicht sieht, sie verschwinden quasi hinter dem Wahrnehmungshorizont. Genauso wie jene Maschine, die um drei Uhr morgens Eier vor dem Supermarkt verkauft. Oder das Lüftungssystem, das kontinuierlich Temperatur und Feuchtigkeit in einem Smart Home reguliert. Obwohl sie allgegenwärtig sind, fallen sie nicht auf – allein der Effekt ihrer Arbeit fühlt sich positiv für den Menschen an. Mit dem Resultat der steigenden Akzeptanz.
Auf der anderen Seite kristallisieren sich Bereiche heraus, in denen der Einsatz von Robotern oder Kobots auf kategorische Ablehnung stößt. Es scheint, als ob überall dort, wo das Bedürfnis besteht, mit einem Menschen in Beziehung zu treten, Roboter auch in Zukunft wenig Chance haben. Etwa im medizinischen Bereich oder bei Dienstleistungen, die auf Vertrauen, Zuspruch oder körperlichem Kontakt basieren. Einfach gesagt: Überall, wo der Mensch einen Menschen erwartet, kommt ihm der Roboter im besten Fall komisch vor. Im schlimmsten Fall ist er absolut inakzeptabel. Diese Gefühle werden den Menschen bewusst, wenn sie nicht mehr befriedigt werden. Bis der Oberkellner nicht tatsächlich auf einer Software basiert, macht sich der Mensch darüber in der Regel keinerlei Gedanken.
Über künstliche Intelligenz wird viel diskutiert – bislang ist es noch nicht gelungen, einem Roboter ein Programm zu schreiben, welches tatsächlich im menschlichen Sinne intelligent ist, also auch in abstrakten Situationen logisch, moralisch und ethisch handelt und sich dadurch weiterentwickelt. Außerhalb ihrer Programmierung und Sensorik sind Roboter nach wie vor relativ dumm. Noch ist das Überraschungsmoment ganz und gar nicht in der Robotik zu Hause und deshalb sind diese mechanischen Gesellen noch immer weit entfernt von einer Annäherung an das Konzept der Menschlichkeit. Solange nicht wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass ein Programm Bewusstsein erlangen kann, wäre es irreführend, eine Maschine als menschlich zu bezeichnen. Roboter und Kobots – auch wenn sie noch so allgegenwärtig assistieren – sind Werkzeuge. Fantastische Bedrohungsszenarien wie zum Beispiel die Übernahme der Weltherrschaft durch eine internet-basierende künstliche Intelligenz oder, wie erwähnt, die Übernahme menschlicher Arbeitsplätze en masse durch Roboter sind dementsprechend weit hergeholt. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Entwicklung der Robotik erst so richtig in Schwung kommt, weil es zu wenige Arbeitskräfte gibt.
Eine weitere Grenze in Richtung Menschlichkeit für Robotik und künstliche Intelligenz sind der „innere Funke“ und das kreative Schaffen, welches dem Menschen entspringt. Man führe sich nur das schöne Bild vom Nachmittag im Café vor Augen, wo man im Freien sitzt, beobachtet und das Leben an sich vorbeiziehen lässt. Man verliert sich in diesem Moment und plötzlich kreist man nicht mehr um seine eigenen Gedanken, sondern lässt den Geist wandern. Dann passiert plötzlich etwas – und zu Tage kommt etwas Kreatives. Etwas Neues. Etwas Großartiges. Dieser Prozess ist nicht reproduzierbar. Nicht programmierbar – er kann nicht verordnet werden. Und doch ist er für eine Vielzahl der wichtigsten Errungenschaften der Menschheit verantwortlich. Es ist ein „Funke“, der den Unterschied macht zwischen Mensch und Roboter. Und dieser Unterschied ist groß. Andererseits schafft die Robotik durch ihre Automatisierung gewisser Prozesse gerade jene Freiräume und Zeiträume, die es für den Menschen für das Entstehen eines kreativen Funkens benötigt. Simpel ausgedrückt: Auch wenn sie selbst nicht über das gewisse Etwas verfügt – die allgegenwärtigen Assistenten könnten in Zukunft maßgeblich dazu beitragen, dass es für Menschen mehr Raum für Kreativität geben wird. Automatisch wird das nicht passieren. Der Mensch muss diese Chance aktiv nutzen. Die Veränderungen, die daraus entstehen, verlangen langfristig von der Menschheit eine angemessene Anpassung.
Um die Chancen, welche die fortschreitende Entwicklung auf dem Gebiet der Robotik und der KI eröffnet zum Wohle des Menschen nutzen zu können, ist eine Sache unabdingbar: Der klare Erkenntnisprozess, in dem der Mensch jene Bereiche konkret absteckt, wo er in Zukunft Roboter einsetzen will – und wo nicht. Dies muss in jedem Stadium der Entwicklung ein menschlicher Prozess sein, gedacht, getragen und ausgeführt von Menschen für Menschen und darf auf keinen Fall Programmen oder Algorithmen überlassen werden. Es wird auch in einer Zukunft voller künstlicher Intelligenz, allgegenwärtiger Assistenz und Automatisierung der Grundsatz gelten: Wir müssen nicht alles tun, was wir tun können! Schließlich soll Technik ja nicht der Technik selbst zu Diensten sein.
Dieser Denk- und Entscheidungsprozess wird ein fluider sein, denn Neues wird erfunden – Zeiten ändern sich –Strukturen, die aus einer subjektiven Zeit-Bubble heraus als in Stein gemeißelt betrachtet werden, sind schließlich in Wahrheit ebenfalls fluid. Superlative spielen in diesem großen Rahmen kaum noch eine Rolle. „Schneller, effizienter, smarter“, verliert merklich an Bedeutung, wenn es dem Lauf der Zeit ausgesetzt ist. Neben dem ständigen Definieren, Einschätzen und Entscheiden könnte also ein ganz bestimmter Aspekt der Technik der Zukunft eine große Rolle spielen: die Zuverlässigkeit. Schließlich ist Sicherheit ein Schlüsselelement im Szenario des Menschen, der die Zeit- und Freiräume hat, über sich selbst zu reflektieren. In einer Welt, in der er sich über die Sicherung seiner Existenz keine Sorgen mehr zu machen braucht.
Dipl.-Ing. Alfons Riek ist seit mehr als 20 Jahren in unterschiedlichen Positionen in der Wirtschaftswissenschaft, der Vorstandsassistenz, dem Risikomanagement sowie der globalen Unternehmensentwicklung tätig. Er ist in der Konzern-Holding von Festo für Technologie und Innovation zuständig und dabei stets offen für Neues. Alfons Riek ist hochinteressiert und neugierig in Hinblick auf alle Entwicklungen, die Technologie für den Menschen nutzbar machen. In all seinen Funktionen war und ist es sein Bestreben, Technik von Grund auf zu verstehen, um danach mit neuen Produkten das Leben zielgerichtet besser werden zu lassen. Technische Innovationen umsetzen, um sie für die Menschen auch im Alltag zugänglich zu machen, so beschreibt er seine Motivation.