Kommunikation Communication
Maria Höpler-Schoiswohl
Die Ölkrise und Anti-Atomkraftbewegungen. Der Aufstieg von Tech-Konzernen und der Zerfall der Sowjetunion. Die Etablierung der EU und die Katastrophe von 9/11. Das Ende der Apartheid und das erste geklonte Schaf. Der Auf- (und Ab-)stieg der CD und die Popularität von Reality Shows und Boygroups. Der Krieg im Irak und in der Ukraine. Die Finanzkrise und die Klimaveränderung. Das erste Smartphone und der arabische Frühling. Nationale Tendenzen und neue Medien. Wasserstoff-Brennstoffzellenfahrzeuge und Influencer. Generationen X, Y, Z und Alpha. Um nur einen minimalen Einblick in die vergangenen Jahre zu geben.
Vieles hat sich in diesen Jahren geändert. Und doch auch nichts. Watzlawicks Axiom „Man kann nicht nicht kommunizieren“ ist so aktuell wie einst. Kommunikation ist in unserer Welt alles.
Beim Familienausflug kontinuierlich stumm ins Smartphone starren oder bei der Straßenbahnfahrt in der Früh die Sitznachbarin freundlich anlächeln. Mit dem Freund während der Laufrunde schnaufend plaudern oder beim Videocall bei abgeschalteter Kamera sein Abendbrot essen. Im Darknet surfen oder Digital Detox frönen. Eine künstliche Intelligenz fragen, das nächste Gedicht zu formulieren oder eine Postkarte an die Großmutter verfassen.
Jedes Verhalten eines Menschen ist Kommunikation. Der österreichische Kommunikationswissenschaftler, Philosoph und Psychotherapeut Paul Watzlawick (1921–2007) führt dies aus: „Man kann nicht nicht kommunizieren, denn jede Kommunikation (nicht nur mit Worten) ist Verhalten und genauso, wie man sich nicht nicht verhalten kann, kann man nicht nicht kommunizieren.“
In dem Jahr, in dem er seine insgesamt fünf Axiome1 verfasst, spaziert der erste Mensch auf dem Mond, wird in Woodstock das Leben wild gefeiert, erblickt Michael Schumacher das Licht der Welt, schafft es erstmals eine Nachricht von einem Rechner zu einem weit entfernten anderen Rechner – das Internet ist geboren.
Der Mensch ist und bleibt – Mensch. Er nutzt die ihm zur Verfügung stehenden Werkzeuge. Und ändert dadurch sein Verhalten. Neue Formen der Kommunikation entstehen. Früher wunderten sich die Menschen über die Nachrichten des Hofnarren, die Kundschaft des Boten, der mit dem Pferd heraneilte oder über den aktuellen Aufmacher der Tageszeitung. Vor noch nicht allzu langer Zeit unterhielt man sich intensiv über die Mystik, wenn ein Telefonapparat den familiären Haushalt erstmals mit jenem des Nachbarn verband. Kinder von heute wissen nicht mit einem Festnetztelefon umzugehen. Geschweige denn, wie solch eines aussieht. Sie klären hingegen ihre Eltern auf über Videotelefonie, Gaming oder die Bedeutung von Cringe und Smash2.
Das ist Entwicklung. Sie ist nicht zu bewerten. Sie ist.
Und so, wie eine künstliche, digitale Intelligenz dem Menschen künftig beim Denken und Tun assistiert, verändert sich der Umgang mit dieser. Zuerst herrscht Überraschen und Staunen. Dann folgt Begeisterung gepaart mit Überforderung. Bis es schließlich – durch langjähriges Lernen und bewusstes Aneignen – zur Zähmung und Bändigung der neuen Technologie für die eigenen Bedürfnisse kommt. Dieser Prozess geht durch das rasant und divers wachsende Angebot digitaler Kommunikation rascher vonstatten als vor rund 100 Jahren, als der schottische Erfinder John Logie Baird 1926 die erste Fernsehvorführung in London abhielt. Damals konzentrierte sich die Menschheit auf ein einziges neues Tool zur Informationsverbreitung bzw. -gewinnung – der TV-Apparat brachte die Welt ins Wohnzimmer.
Heute bewegt sich jeder Mensch in (s)einem maßgeschneiderten Informationsuniversum. Er holt sich sozusagen viele Welten in sein direktes Umfeld. Sein Universum entsteht durch die ganz individuelle Nutzung und Konsumation einer höchst persönlichen Mischung an online und offline zufällig verfügbaren, bewusst gewählten oder gezielt gesteuerten Informationskanälen. Diese reichen von der Plakatwand neben der Autobahn oder dem Small Talk auf der Abendveranstaltung über den Kaffeetratsch mit der besten Freundin oder der täglichen Morgensendung im Radio bis zum Newsfeed auf dem Social Media-Kanal oder dem Ergebnis der Suchmaschine im Internet. Der Vorteil dieser unzähligen Informationsquellen ist die umfassende Befriedigung und Stärkung der eigenen Interessen. Die Herausforderung ist der Erhalt einer gemeinsamen Informationsbasis in einer pluralistischen Gesellschaft, um Konsens und Verständnis für kooperative und kollaborative Transformation zu sichern.
Rund um die Jahrtausendwende wurde am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien durch einen durchaus humorvollen Professor bekannt, dass den Menschen ausschließlich ein einziger Informationskanal gemein ist, auf den er sich in der Kommunikation mit anderen beziehen kann: das Wetter, das sie beim Blick aus dem Fenster sehen. Mittlerweile benötigt es – neben dem Wetter – schon eine gute Portion Glück für eine Schnittmenge zweier oder mehrerer Informationsuniversen. Dieses Glück ermöglicht Diskurs und Diskussion. Mit etwas Pech herrscht – bei durch Lichtjahre entfernte Universen – vom Konflikt bis zur Sprachlosigkeit. Dieses Spannungsfeld muss jedem ganzheitlich denkenden Wesen – und dessen ist auf dieser Welt ausschließlich der Mensch fähig – bewusst sein, wenn es in Resonanz mit seiner Umgebung tritt und sein Universum mit anderen vernetzt.
Essenziell und existenziell ist dabei der offene und neugierige Blick über die eigene Kommunikationsblase hinaus. Die Fähigkeit, den persönlichen Nachrichten- und Informationskanal vorurteilsfrei zu wechseln und die individuell konsumierten Inhalte kontextual zu verarbeiten. Die Offenheit, gegensätzliche Standpunkte arglos zu diskutieren und die eigene Meinung fundiert zu argumentieren. Die Weitsicht, holistische Dialog- und Konfliktkultur zu fordern und evidenzbasierte Quellenkritik zu fördern. Die Geduld für anhaltende Aufmerksamkeit, intellektuelle Entwicklung und nachhaltige Resonanz. Und das weit hinaus über Grenzen, die kulturell, national, spirituell, digital, wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich, zeitlich oder natürlich gewachsen sind – oder geschaffen werden.
Unangefochtene Nummer eins der Kommunikation der Zukunft wird jene sein, die den Menschen seit Anbeginn seiner Existenz begleitet: der Austausch von Angesicht zu Angesicht. Die direkte, persönliche Begegnung bedient alle Sinne. Sie befähigt den Menschen zur unmittelbaren, unverfälschten, intuitiven Interaktion. Gerade die Intuition ist es, die ihn zukunftsfit macht.
Das bestätigen sowohl HR-Spezialistinnen großer deutscher Konzerne, die in den vergangenen Jahren Vorstellungsgespräche via Videoscreen forciert haben, als auch skandinavische Bildungsexperten, die seit Jahrzehnten den Unterricht digitalisieren. Das unterschreiben sowohl Salesprofis, die ihren jungen Nachfolgern beibringen, wie sie die Mimik ihrer Kundinnen lesen, als auch IT-Experten, die Wege aus der sozialen Isolation suchen.
Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er braucht den direkten Kontakt mit anderen. Er kommuniziert bis zu 80 Prozent mit seinem Körper. Seine verbale Artikulation transportiert nur 20 Prozent der Information.
Es ist also wenig verwunderlich, dass künftig jene Menschen im Vorteil sind, die sich mit einer spielerischen Leichtigkeit zwischen Kommunikationswelten bewegen und mit einer wertneutralen Toleranz Inhalte für behäbigere Individuen übersetzen können. Sie verstehen die Welt in ihrer dynamischen Komplexität, nehmen sie an und wissen sie zu gestalten. Sie begeben sich mühelos auf Augenhöhe mit ihrer Umwelt und initiieren Veränderung. Die Interpretation des Watzlawikschen Axioms „Man kann nicht nicht kommunizieren“ ist die Expertise dieser Zwischenweltenübersetzerinnen. Auf sie wird man in Zukunft hören können – und müssen. Einfach? Wird das für niemanden. Aber spannend allemal.
Maria Höpler-Schoiswohl studiert an der Universität Wien Publizistik und Kommunikationswissenschaften. Sie etabliert sich in Österreich als Reise- und Designjournalistin, Buchautorin und Biografin. Seit 2000 ist sie projektbezogen für das Kommhaus tätig. Die Beratungsagentur für Organisationsentwicklung, integrierte Kommunikation und Wertewissenschaften wurde 1992 von ihrem Vater gegründet und wird als Familienunternehmen geführt. 2018 übernimmt sie Beratungs- und Kommunikationsagenden, 2020 die Geschäftsführung. Mit einem erfahrenen Team definiert Höpler-Schoiswohl Identitäten für Individuen, Organisationen und Unternehmen in den Bereichen Industrie, Tourismus, Handel und Wissenschaft und schafft Lebens- und Arbeitswelten. Sie lebt in Österreich und ist in der Welt zu Hause.
1 Die 5 Axiome von Paul Watzlawick
• Man kann nicht nicht kommunizieren.
• Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt.
• Kommunikation ist immer Ursache und Wirkung.
• Menschliche Kommunikation bedient sich analoger und digitaler Modalitäten.
• Kommunikation ist symmetrisch oder komplementär.
2 Cringe ist das Jugendwort des Jahres 2021 im deutschsprachigen Raum und bedeutet so viel wie Fremdschämen. Smash ist das Jugendwort des Jahres 2022 und bedeutet so viel wie „mit jemandem etwas anfangen“ bzw. als Verb „smashen“ „mit jemandem Sex haben“. Das Jugendwort des Jahres wird seit 2008 von einer Jury des Langenscheidt Verlags gewählt.
Literaturhinweis: Watzlawick P., Beavin J., Jackson D.: Menschliche Kommunikation: Formen, Strömungen, Paradoxien, 13. unveränderte Auflage, Hogrefe Verlag, 2016