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Kunst Art

Stefan Sagmeister

Interview Stefan Sagmeister

Wir können uns an etwas erfreuen, das nichts tut. We can enjoy something that does nothing.

Kunst war schon immer ein Spiegel der gesellschaftlichen Transformation. Was reflektiert Kunst heute und wohin könnte die Reise gehen?

Sagmeister: Kunst ist heute wahrscheinlich noch mehr ein Spiegelbild unserer Gesellschaft als jemals zuvor. Im Laufe der historischen Entwicklung hat sich die Kunst oft auf die Lebensgeschichte der Herrschenden konzentriert, sei es in Ägypten, bei den Mayas oder bei den Venezianern. Meiner Ansicht nach spiegelt die Kunst – zeitgenössische bildende Kunst oder Literatur ebenso wie Film, Architektur oder ­Design – den Zustand unserer heutigen Gesellschaft wider.

Auf welche Weise beeinflusst die Kunst heute und morgen die Gesellschaft?

Zeitgenössische Kunst ist derzeit ein Nischenprodukt für ein vergleichsweise kleines Publikum. Selbst in New York City, wo zeitgenössische Kunst zweifellos eine größere Rolle spielt als anderswo auf der Welt, ist das berühmte Museum of Modern Art nur das viertmeistbesuchte Museum. Man könnte denken, dass zeitgenössische Kunst, da sie oft von sehr reichen Menschen gesammelt wird, einen Einfluss auf die Mächtigen hat. Ich bezweifle, dass viele Künstler mit dieser These einverstanden wären.

Durchdringt Kunst alle Schichten der Gesellschaft?

Die Antwort darauf hängt davon ab, wie wir Kunst definieren: Wenn damit der zeitgenössische Kunstmarkt gemeint ist, würde ich die Frage verneinen. Wenn wir eine umfassendere Definition verwenden und uns auf visuelle Kultur im Allgemeinen beziehen, was dann auch Mode, Zeitschriften und Fernsehsendungen sowie Produktdesign und Kommunikationsmittel umfasst, dann auf jeden Fall!

Wird die künstlerische Ausdrucksform in der breiten Öffentlichkeit an Bedeutung gewinnen oder verlieren?

Da Maschinen immer mehr rein funktionale Aufgaben übernehmen, würde ich vermuten, dass menschlich-kreative Ausdrucksformen, die nicht funktional sind, an Bedeutung gewinnen.

Zu den unterschiedlichen Kunstrichtungen: Gibt es noch „Schulen“ oder „Bewegungen“ oder hat die Globalisierung so etwas gänzlich abgeschafft?

Hier und da tauchen kleinere Bewegungen auf, aber die Zeit der großen Künstlergruppen, die in ähnlicher Richtung arbeiten, wie „abstrakter Expressionismus“ oder „Kubismus“, scheint vorerst vorbei zu sein.

Welche neuen subkulturellen/jugendkulturellen Bewegungen werden in Zukunft den größten Einfluss auf Kunstschaffende haben und wie werden sie sich auf die Art und Weise auswirken, wie wir Kunst rezipieren?

Nach wie vor wird die visuelle Welt vor allem durch neue Technologien beeinflusst. Dies war der Fall bei der Erfindung neuer Werkzeuge und Techniken wie dem Meißel oder dem Fresko, bei der Entwicklung des Buchdrucks und der Fotografie sowie der digitalen Welt. Ich vermute – wobei meine Vermutungen in der Vergangenheit oft falsch waren –, dass Gaming, Virtual Reality und KI einen großen Einfluss haben werden.

Profit und Kunst – wie passt das zusammen?

Wie bereits erwähnt, haben sich Kunst und Geld (oder Macht) in der Vergangenheit schon immer gegenseitig beeinflusst. Orte, die für Künstler fruchtbar waren, wie Amsterdam im Goldenen Zeitalter der Niederlande oder Venedig in der Renaissance, waren extrem wohlhabend und konnten es sich leisten, Künstlern eine Vollzeit­beschäftigung zu bieten.

Profit und Kunst – ist diese Verbindung wünschenswert?

Die Tatsache, dass auf dem Markt für zeitgenössische Kunst viel Geld ausgegeben wird, ermöglicht es vielen Künstlern, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Wie in anderen Bereichen auch, geht der größte Teil dieser Gelder – leider – an relativ wenige Künstler im absoluten Spitzenbereich.

Erkennen Sie Veränderungen der „kulturellen Dominanz“ auf globaler Ebene?

Ja. Ich kenne viele Museen, die zurzeit sowohl ihre Sammlungsbestände als auch ihre Schwerpunkte für Sonderausstellungen neu ordnen: Die frühere Konzentration auf europäische Kunst wird nun in eine viel internationalere Richtung erweitert, indem Sammlungen aus Asien, Afrika und Südamerika stärker in den Mittelpunkt gerückt und Lücken gefüllt werden.

Wenn es so etwas wie eine dominante Kultur gibt, wie wirkt sich das auf die allgemeine Rezeption künstlerischer Ausdrucksformen aus?

Im Allgemeinen neigen wir dazu, Dinge zu mögen, die uns bekannt sind. Wenn wir mit einem bestimmten Stil, einer bestimmten Kultur oder einem bestimmten künstlerischen Ausdruck überhaupt nicht vertraut sind, werden wir ihn nicht verstehen können.

Kann ein Künstler in einer „subjektiven Blase“ leben – abgekoppelt von populären Trends und Moden?

Das ist schwierig, aber möglich: Ich würde sagen, Alex Katz ist ein gutes Beispiel dafür. Er kreiert mit Erfolg simplifizierte, realistische Bilder in einer Zeit, in der der Großteil der Kunstwelt das für unmodern hält.

Gibt es (objektive oder andere) Maßstäbe, an denen die Bedeutung von Kunst gemessen werden kann?

Die Kunstgeschichte kann solche Maßstäbe setzen, denn im Nachhinein können wir oft klarer erkennen, wer was wann geschaffen hat und welche Richtungen sich im Lauf der Zeit als wichtig und einflussreich erwiesen haben.

Inwiefern ist Kunst um ihrer selbst willen, also l’art pour l’art, heute ein erstrebenswertes Ziel?

Meine Lieblingsdefinition für den Unterschied zwischen Kunst und Design stammt von Donald Judd, der sagte: Design muss funktionieren. Kunst muss das nicht. Er meint damit, dass Kunst überhaupt keine Aufgaben hat, sie kann einfach nur sein. Ich denke, für viele Betrachter ist das eine Erleichterung: Wir können uns an etwas erfreuen, das nichts tut.

Und künftig?

Wie bereits erwähnt, wird Kunst meiner Meinung nach in einer Welt, die immer mehr funktionieren muss, immer wichtiger werden.

Der angebliche Trend zum „Remaking“ hat Stimmen laut werden lassen, die einen „langsamen Tod der Kreativität“ beklagen. Ist dies Ihrer Ansicht nach zutreffend und wenn ja – was kann man dagegen tun?

Der Tod der Malerei, das Ende des Drucks und die Auslöschung der Kunst selbst wurden in den letzten Jahrzehnten immer wieder vorhergesagt. Weder DJs noch Menschen, die sich mit dem Recycling von Motiven und Bildern beschäftigen, werden Kunst oder Design ausrotten.

Was bedeutet Kunst für Sie?

Aus der Besucherperspektive heraus ist Kunst für mich ein wunderbares Universum, das ich zusammen mit einem Freund in langen Galerietouren durch Tribeca, Chelsea und die Lower East Side von Manhattan erkunden kann, während wir beim Betrachten der Werke über die Kunst philosophieren. Die Möglichkeit, in eine von einem Künstler geschaffene individuelle Welt zu blicken und sie mit meiner eigenen Welt zu vergleichen, kann für mein Leben bereichernd sein.

Gibt es in der Kunst so etwas wie „Qualität“?

Natürlich! Ich habe eine klare Meinung darüber, was gute und was schlechte Kunst ist. Manchmal ändere ich meine Meinung, wenn ich mehr über einen bestimmten Künstler oder ein bestimmtes Werk erfahre.

Stefan Sagmeister

Als Fulbright-Stipendiat studierte der gebürtige Bregenzer Stefan Sagmeister in den späten 80er-Jahren Grafik und Design am Pratt Institut in New York. Dort erwarb er den Master of Fine Arts und begann seine aktive Karriere 1991 als Designer in der Werbeagentur Leo Burnett in Hongkong. Wenige Jahre später, zurück am Big Apple, gründete er seine eigene Agentur – die Sagmeister Inc., mit der er Medien unterschiedlicher Art designte. Vor allem die Gestaltung von Platten-Covers führte zum steigenden Bekanntheitsgrad des Unternehmens. Die Illustrationen der Alben Bridges to Babylon der Rolling Stones, Set the Twilight reeling und Ecstasy von Lou Reed sowie Nine Lives von Aerosmith zählen zum kreativen Schaffen Sagmeisters. Seine Arbeit brachte ihm bis dato sechs Grammy Nominierungen ein. Zweimal erhielt er den begehrten Musikpreis. Neben den Größen der Musikindustrie zählen heute auch namhafte Firmen wie BMW, Ben & Jerry’s oder Levi’s zu den Kunden Stefan Sagmeisters.