Philosophie Philosophy
Julian Nida-Rümelin
Über die längste Zeit ihrer Geschichte, und das gilt nicht nur für Europa, verstand sie sich mindestens auch, wie Pierre Hadot1 meint, sogar in erster Linie als Lebenskunst, nicht so sehr als Lehre. Philosophieren als eine Form des gelungenen Lebens. Dann wäre die Pyrrhonische Skepsis nicht eine erkenntnistheoretische Position, sondern eine Möglichkeit, Seelenruhe zu erreichen und Platons Ideenlehre in der Politeia und im Phaidon eine Anleitung, auf den Grund des Seins zu gelangen, wie Eric Voegelin in Order and History und Anamnesis ausführt.
Eines steht jedenfalls fest: Im Vergleich zu den differenzierten philosophischen Debatten und Praktiken der griechischen Klassik und des Hellenismus ist die Philosophie in der Moderne verflacht. Utilitaristische Auffassungen, wie die von Jeremy Bentham2, wonach ein gelungenes Leben in der Realisierung eines möglichst hohen persönlichen Wohlbefindens bestehe, dominieren in unterschiedlichen Varianten nach wie vor die internationale, angelsächsisch geprägte, praktische Philosophie.3 Manche, besonders prominent Peter Singer, weiten den Blick von sich auf die Menschheit als ganze und fordern dann, dass die Optimierung des allgemein-menschlichen Wohlergehens auf diesem Planeten ein gelungenes Leben ausmache.4
Wenn wir nach dem Sinn des Lebens fragen, sollten wir uns zunächst von den großen philosophischen Theorien abwenden und auf unsere lebensweltliche Praxis blicken.5 Wir sind dort mit einer Vielfalt von Gründen konfrontiert, die dafür sprechen, das eine oder das andere zu tun oder zu lassen. Und die wenigsten dieser Gründe sind darauf gerichtet, das eigene Wohlergehen zu optimieren.
Wir haben uns vorgenommen, ein Buch zu verfassen und es soll ein gutes Buch werden. Also haben wir Grund, viel Zeit darauf zu verwenden, die eigenen Gedanken zu klären, Formulierungen abzuwägen, darauf zu achten, dass der Gedankengang nachvollziehbar bleibt und die Struktur des Werkes übersichtlich. Gibt es einen Autor auf der Welt, der schreibt, um dadurch sein Wohlbefinden zu optimieren? Es mag Menschen geben, zu denen ich mich zeitweise durchaus zählen kann, die beim Verfassen von Texten gelegentlich so etwas wie ein Glücksgefühl empfinden. Aber wenn sie keine anderen Gründe hätten, einen Text zu verfassen, zum Beispiel ein bestimmtes Argument zu entwickeln, andere von einer philosophischen oder politischen Position zu überzeugen, einen Missstand anzuprangern oder einen faszinierenden Roman zu verfassen, dann würde sich dieses Glücksgefühl nicht einstellen können. Es stellt sich nur ein, wenn die Praxis als Ganze sinnvoll erscheint. Die Optimierung des eigenen Glücksgefühls ist nicht sinnstiftend. Menschen, die ihr Leben unter dieses Motto stellen, sind früher oder später mit der Erfahrung von Sinnlosigkeit konfrontiert.
Aber auch das andere Extrem der altruistischen Selbstentäußerung führt am Ende ins Unglück: Wenn ich jede Betätigung unter das Kriterium der Optimierung des allgemeinen Glücks oder der Behebung von Ungerechtigkeiten in der Welt stelle, wird das eigene Leben, die Interaktion und Kommunikation mit anderen zum bloßen Instrument eines hehren, aber unpersönlichen Ziels. Ohne Bindung, ohne Verantwortung für andere, nahestehende Menschen, ohne Freundschaft, Liebe und familiären Zusammenhalt droht eine Vereinzelung, die sowohl in der egoistischen wie in der altruistischen Variante ein gelungenes Leben erschwert.
Das, was im Kleinen Sinn stiftet, stiftet auch im Großen Sinn. Die Zufriedenheit, ein Ziel erreicht zu haben, für das es sich anzustrengen lohnt, kann nicht ersetzt werden durch die eigene Zufriedenheit als Lebensziel. Wenn manche meinen, die These des umfassenden menschlichen Egoismus dadurch rechtfertigen zu können, dass Menschen dadurch, dass sie anderen etwas Gutes tun, auch selbst ihre Zufriedenheit steigern, geht fehl: Der Grund des Handelns lag darin, jemand anderem etwas Gutes zu tun und die Zufriedenheit, die sich im Erfolgsfall einstellt, ist ein erfreuliches Nebenprodukt. Dieses Verhältnis lässt sich nicht umkehren, ohne den Sinn der Praxis zu verlieren. Ich kann mir nicht vornehmen, jemand anderem etwas Gutes zu tun, um meine eigene Zufriedenheit zu steigern. Dann ist mir nämlich das Motiv verloren gegangen, das erst Voraussetzung dafür ist, dass ich mich über den Erfolg freue. Ein englischer Bischof6 hat darauf schon vor langem hingewiesen, aber dessen elegante Widerlegung des dogmatischen Egoismus hat bis heute nicht verhindern können, dass ganze wissenschaftliche Disziplinen, insbesondere in der Ökonomie und Soziologie, daran festhalten.7 Sinn stiften heißt also gute Gründe zu haben. Ich interpretiere diese realistisch.8 Wir versuchen herauszufinden, was ein guter Grund ist und was nicht. Gründe sind nicht lediglich Motive. Vielmehr sind wir in der Regel motiviert, das zu tun, für das gute Gründe sprechen. Gute Gründe stiften Sinn.
Ob die lebensweltliche Vielfalt guter Gründe auf einige wenige oder gar einen einzigen – dann würden wir von einem „Prinzip“ sprechen – zurückzuführen ist, erscheint mir äußerst fraglich. Dies spricht gegen die großartigen modernen Versuche, in der Philosophie reduktionistisch jeweils ein Kriterium vernünftiger Praxis zu etablieren. Kant mit seinem Kategorischen Imperativ auf der einen9 und der angelsächsische Utilitarismus etwa in der gemäßigten Variante John Stuart Mills10 auf der anderen Seite, haben dies – in meinen Augen vergeblich11 – versucht.
Die philosophische Theorie kann die lebensweltliche Vielgestaltigkeit, auch die Unterschiedlichkeit von Lebensformen und kulturellen Prägungen, nicht durch einige wenige Prinzipien ersetzen. Die Philosophie hat eine weit bescheidenere Rolle, sie sollte dabei helfen, gedankliche und begriffliche Klarheit zu erreichen und Inkohärenzen in der Praxis aufzudecken und zu beheben. Es ist nicht die Philosophie, die Sinn stiftet, sondern es sind die lebensweltlichen Gründe, die Sinn stiften und die Philosophie hilft, dass die Einsicht in gute Gründe zu einer kohärenten Praxis führt.
Wenn man auf die globale politische Praxis blickt, liegt auf der Hand, dass diese in hohem Maße inkohärent ist. In vielen Bereichen der sozialen und ökologischen Herausforderungen gibt es kein Erkenntnisproblem mehr. Wir wissen in groben Zügen jedenfalls, was zu tun wäre, um den Klimawandel auf ein erträgliches Maß zu beschränken. Wir wissen ziemlich genau, was zu tun wäre, um den Skandal von anhaltendem Hunger und Unterernährung in der Welt dauerhaft zu beenden. Wir wissen, was zu tun wäre, um die Wahrscheinlichkeit eines nuklearen Krieges zu minimieren. Aber es scheint, dass die Weltgemeinschaft dazu nicht in der Lage ist. Und dies hängt nicht so sehr an den Unzulänglichkeiten einzelner Regierungen und Politiker, sondern am Fehlen eines institutionellen Rahmens der kosmopolitischen Verantwortung. Die Addition individueller vernünftiger Praxis realisiert nicht automatisch globale Vernunft.
Nach der langen Zeit der Corona-Krise sehnen sich die Bevölkerungen in den meisten Regionen der Welt nach der Rückkehr zur Normalität. Ich glaube nicht daran, dass sie zum historischen Wendepunkt wird, ab dem die Menschheit sich in ökonomischer Bescheidenheit zurücknimmt und den Klimawandel durch Mobilitäts- und Konsumverzicht bewältigt. Eher ist zu erwarten, dass die erzwungene Askese und Distanz zu einer Phase nachholenden Lebenshungers und Ausgelassenheit führen werden, wie dies in den 1920er Jahren nach der Währungsreform 1923 und vor der Weltwirtschaftskrise 1929 für einige Jahre in Deutschland, aber auch anderswo in Europa, der Fall war. Aber die Corona-Krise hat deutlich gemacht, dass wir mit globalen Herausforderungen konfrontiert sind, die nur in globaler vernünftiger Praxis zu bewältigen sind. Dazu einen Beitrag zu leisten, stiftet Sinn. Die digitale Transformation so zu gestalten, dass sie die Potenziale menschlicher Autorschaft erweitert und nicht vermindert, dass sie ein nachhaltiges Wirtschaften befördert und nicht den Energiehunger steigert, gibt zureichenden Grund zu privater, kultureller, sozialer und politischer Praxis. Gründe stiften Sinn. Und das gilt individuell wie kollektiv.
Humanistische Philosophen aller Zeiten haben dafür plädiert, die Formbarkeit des Menschen und der Kultur, in der er lebt, so zu nutzen, dass das genuin Humane, man könnte auch sagen das Gute im Menschen gefördert, und das Inhumane, die Bereitschaft zu Rücksichtslosigkeit und Gewalt, die Neigung zu Egoismus und Dominanz zurückgedrängt werden. In der Gegenwart ist humanistisches Denken und Handeln erneut in eine Defensive geraten.12 Autoritäre Regime breiten sich weltweit aus, und in lang etablierten Demokratien gewinnen populistische Zyniker die Oberhand. Umso wichtiger ist es, die Orientierung am Humanen, an den positiven Potenzialen der menschlichen Existenzform wieder zu stärken, zynische Rücksichtslosigkeit, Egoismus und Gewalt stiften keinen Lebenssinn. Und sie lassen die Menschen innerlich leer und oft gebrochen zurück. Die Entfaltung der eigenen Fähigkeiten und Fähigkeiten anderer Personen durch individuelle und gemeinschaftliche Praxis, der bios praktikos des Aristoteles13, das Aufblühen menschlicher Potenziale stiftet Sinn und erlaubt ein erfülltes und vernünftiges14 Leben.
Julian Nida-Rümelin, Staatsminister a. D., gilt als einer der renommiertesten Philosophen Deutschlands. Er lehrt Philosophie und politische Theorie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, ist Direktor am bayerischen Institut für digitale Transformation und stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Ethikrats. Julian Nida-Rümelin war Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie und ist Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste sowie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Er selbst versteht sich als humanistischer Philosoph, zu dessen Schwerpunkten die Theorie praktischer Vernunft, die Entscheidungstheorie und die Risikotheorie zählen. Als Autor publiziert er regelmäßig, 2025 erschien das Buch Der Epochenbruch. Auf dem Weg in eine neue Weltordnung.
1 La philosophie comme maniére de vivre. Paris:
Éditions Albin Michel 2001
2 Introduction to the Principles of Morals and Legislation [1789]
3 Vgl. z. B. Cf e.g. James Griffin: Well-Being: Its Meaning, Measurement, and Moral Importance, Oxford University Press 1989
4 One World. The Ethics of Globalisation. Yale University Press 2002 und Effektiver Altruismus. Eine Anleitung zum ethischen Leben. Berlin: Suhrkamp 2016
5 Näheres dazu findet sich in meinem Buch more details can be found in my book Philosophie und Lebensform. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2009
6 Der anglikanische Bischof Joseph Butler hat in Fifteen Sermons Preached at the Rolls Chapel [1726] die These widerlegt, eigentlich seien alle Menschen doch immer Egoisten, denn selbst vermeintlich altruistische, mäzenatische, karitative Taten würden ausgeführt, um sich als Wohltäter besser zu fühlen. Butler erwidert, der Wohltäter fühle sich aber nur besser, wenn er anderen wirklich helfen konnte, sein Handlungsmotiv sei also die Hilfe und nicht sein eigenes Wohlbefinden. Hätte er diese Motive nicht, würde ihn das Helfen auch nicht zufriedener machen. Es gibt unterdessen interessante Experimente, die zeigen, dass Menschen durch die unerwartete Gabe einer bestimmten Summe Geldes zeitweise zufriedener sind, dass sich diese Zufriedenheit aber in der Tat noch beträchtlich steigern lässt, wenn sie die Summe mit der Auflage erhalten, damit anderen etwas Gutes zu tun. Dies deutet darauf hin, dass Altruismus tief in der menschlichen Spezies verwurzelt ist. In Fifteen Sermons Preached at the Rolls Chapel [1726], the Anglican bishop Joseph Butler refuted the thesis that all people are actually always egoists because even supposedly altruistic, patronizing, charitable deeds are performed in order for us to feel better as benefactors. Butler retorts that the benefactor only feels better when he has been able to really help others, so his motive for action is to help and not his own well-being. If he had not had these motives, helping would not have made him any happier. Meanwhile, there are interesting experiments that show that people are temporarily more satisfied by the unexpected gift of a certain sum of money, but that this satisfaction can in fact be increased considerably if they receive the sum with the condition that they use it to do something good for others. This suggests that altruism is deeply rooted in the human species.
7 Vgl. meine Auseinandersetzung mit bestimmten Befunden und Interpretationen der zeitgenössischen Verhaltensökonomie in Cf. my discussion of certain findings and interpretations of contemporary behavioral economics in eine Theorie praktischer Vernunft (Berlin: De Gruyter 2020), Kapitel IV „Phänomenologie struktureller Rationalität“.
8 Vgl. Cf. Julian Nida-Rümelin: Unaufgeregter Realismus: Eine philosophische Streitschrift, Paderborn: mentis 2018.
9 Grundlegung zur Metaphysik der Sitten [1785].
10 Utilitarianism [1863]
11 Detailliert wird dies in meiner This is discussed in detail in my Kritik des Konsequentialismus (München: Oldenbourg 21995) ausgeführt.
12 Ich habe 2019 in einer Gastvorlesung an der Universität San Raffeale di Salute in Mailand dem entgegegenzuwirken versucht. Die Vorträge und die daran anschließenden Debatten sind dokumentiert in I tried to counteract this in 2019 in a guest lecture at the University San Raffeale di Salute in Milan. The presentations and subsequent debates are documented in Per un nuovo umanesimo cosmopolitico: Lezioni milanesi per la Cattedra Rotelli. Milano: Mimesis 2020; vgl. auch meine Humanistische Reflexionen. Berlin: Suhrkamp 2016.
13 Nikomachische Ethik (griechisch-deutsch). Düsseldorf: Artemis 2001
14 Vgl. meine Überlegungen dazu in Cf. my reflections on this in Eine Theorie praktischer Vernunft. Berlin: De Gruyter 2020.
Literaturhinweis zur Vertiefung:
References for further reading:
Julian Nida-Rümelin: Eine Theorie praktischer Vernunft (deutsch: De Gruyter 2020; english: Palgrave Macmillan 2023)